Das Lipödem ist eine chronische, schmerzhafte und meist symmetrische Fettverteilungsstörung an den Extremitäten. Betroffen sind vor allem Hüften und Beine, bei einem Teil der Betroffenen zusätzlich die Arme. Typischerweise besteht ein deutliches Missverhältnis zwischen den betroffenen Extremitäten und dem Rumpf. Hände und Füße sind nicht in die charakteristische Fettgewebsvermehrung einbezogen.
Nach der aktuellen deutschen S2k-Leitlinie gehört der Schmerz zu den entscheidenden Merkmalen des Lipödems. Eine lediglich disproportionale, aber nicht schmerzhafte Fettverteilung wird als Lipohypertrophie bezeichnet und soll nicht als Lipödem diagnostiziert werden.
Das Lipödem tritt fast ausschließlich bei Frauen auf. Die genauen Ursachen und Krankheitsmechanismen sind bislang nicht vollständig geklärt. Vermutet wird ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, geschlechtsspezifischen und hormonellen Einflüssen sowie Veränderungen des Fett- und Bindegewebes. Eine einfache, abschließend belegte Ursache gibt es derzeit nicht.
Für ein Lipödem sprechen insbesondere:
Eine Neigung zu blauen Flecken wird von vielen Betroffenen berichtet. Nach der aktuellen Studienlage ist sie jedoch kein ausreichend spezifisches Merkmal, um ein Lipödem zu beweisen.
„Disproportional“ bedeutet, dass die Fettgewebsverteilung an den Extremitäten nicht im gleichen Verhältnis zur Fettverteilung am Rumpf steht.
Bei einem Lipödem können beispielsweise Hüften, Oberschenkel und Unterschenkel deutlich umfangreicher sein, während die Taille und der Oberkörper vergleichsweise schmal bleiben. Bei gleichzeitig bestehender Adipositas kann der Rumpf ebenfalls stärker betroffen sein. Die typische Disproportion ist dann möglicherweise weniger deutlich zu erkennen.
An den Beinen kann die Fettgewebsvermehrung unterschiedliche Bereiche betreffen:
An den Armen können insbesondere Ober- und Unterarme betroffen sein. Hände und Füße bleiben bei einem reinen Lipödem typischerweise ausgespart. Am Übergang zum Hand- oder Fußgelenk kann dadurch ein sichtbarer Kalibersprung entstehen.
Nach der aktuellen S2k-Leitlinie ist das Lipödem immer mit Beschwerden verbunden. Als typische Symptome gelten:
Die Art und Stärke der Beschwerden können sehr unterschiedlich sein. Manche Betroffene empfinden bereits leichten Druck oder eng anliegende Kleidung als unangenehm. Andere berichten über ein zunehmendes Schwere- oder Spannungsgefühl im Tagesverlauf.
Das sichtbare Ausmaß der Fettgewebsvermehrung sagt dabei nicht zuverlässig voraus, wie stark die Beschwerden sind. Eine Person mit vergleichsweise geringen äußerlich sichtbaren Veränderungen kann erhebliche Schmerzen haben. Umgekehrt können stark ausgeprägte Gewebeveränderungen mit geringeren Schmerzen verbunden sein.
Aus diesem Grund sollte die medizinische Beurteilung nicht allein nach dem Aussehen der Beine oder Arme erfolgen.
Eine disproportionale symmetrische Fettgewebsvermehrung ohne die typischen Beschwerden wird nach der aktuellen Leitlinie als Lipohypertrophie bezeichnet.
Der wesentliche Unterschied lautet:
Eine Lipohypertrophie ist nicht automatisch ein frühes oder noch schmerzfreies Lipödem. Ob und bei wem im weiteren Verlauf Beschwerden entstehen, lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen.
Der Name „Lipödem“ ist historisch entstanden. „Lip“ steht für Fett und „Ödem“ für eine Flüssigkeitsansammlung im Gewebe. Nach früheren Vorstellungen wurde angenommen, dass eine Störung des Flüssigkeits- oder Lymphabflusses ein wesentlicher Bestandteil der Erkrankung sei.
Dieses Verständnis hat sich verändert. Nach der aktuellen S2k-Leitlinie ist das reine Lipödem grundsätzlich keine Ödemerkrankung. Ein Ödem gehört danach nicht zu den notwendigen Diagnosemerkmalen. Auch eine primäre Schädigung des Lymphsystems ist bei einem reinen Lipödem nicht vorauszusetzen.
Orthostatische Schwellungen – also Schwellungen nach längerem Stehen oder Sitzen – können auch bei Menschen ohne Lipödem auftreten und sind nicht automatisch durch das Lipödem verursacht.
Ein Lymphödem kann zusätzlich zu einem Lipödem bestehen. Es handelt sich dann um eine begleitende, gesondert zu diagnostizierende Erkrankung. Ein gleichzeitig bestehendes Lymphödem darf nicht allein aus dem Umfang der Beine oder aus der Diagnose Lipödem abgeleitet werden.
Die medizinische Fachsprache, die amtliche Krankheitsklassifikation und neue wissenschaftliche Krankheitsmodelle entwickeln sich nicht immer gleichzeitig.
In Deutschland ist „Lipödem“ weiterhin die offizielle Diagnosebezeichnung. Das Krankheitsbild wird in der ICD-10-GM weiterhin unter den Kodes E88.20 bis E88.28 geführt. Auch die aktuelle Qualitätssicherungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses verwendet den Begriff „Lipödem“.
Einige Fachleute und Einrichtungen verwenden inzwischen alternativ den Begriff „Lipalgie-Syndrom“. „Lipalgie“ bedeutet vereinfacht „Schmerz im Fettgewebe“. Diese Bezeichnung soll verdeutlichen, dass nicht ein Ödem, sondern die schmerzhafte Fettgewebsverteilung im Mittelpunkt steht.
„Lipalgie-Syndrom“ ist derzeit jedoch keine amtliche Umbenennung und ersetzt die offizielle Diagnose Lipödem nicht.
Beim reinen Lipödem liegt nach aktuellem Verständnis nicht automatisch eine Funktionsstörung des Lymphsystems vor.
Kleine Untersuchungen mit neueren bildgebenden Verfahren sprechen ebenfalls dagegen, dass bei allen Patientinnen mit Lipödem grundsätzlich eine lymphatische Abflussstörung besteht. Die vorhandene Studienlage ist jedoch noch begrenzt.
Entscheidend ist deshalb die individuelle Untersuchung: Bestehen zusätzlich Schwellungen an Füßen oder Zehen, ein positives Stemmer-Zeichen, deutlich einseitige Veränderungen oder andere Hinweise auf eine Flüssigkeitsansammlung, müssen ein Lymphödem und weitere Erkrankungen gesondert abgeklärt werden.
Die frühere pauschale Behauptung, dass aus einem unbehandelten Lipödem nach einer bestimmten Anzahl von Jahren zwangsläufig ein Lymphödem entsteht, ist wissenschaftlich nicht belegt.
Die genaue Entstehung des Lipödems ist noch nicht geklärt. Es gibt Hinweise auf mehrere mögliche Einflussfaktoren, aber bislang keine allgemein anerkannte alleinige Ursache.
Diskutiert werden insbesondere:
Viele Betroffene berichten über ähnliche Körper- oder Beschwerdebilder bei weiblichen Familienmitgliedern. Das spricht für eine mögliche erbliche Mitbeteiligung. Ein einzelnes Gen, mit dem sich das Lipödem in der klinischen Routine sicher nachweisen ließe, ist jedoch nicht bekannt.
Das Lipödem tritt fast ausschließlich bei Frauen auf. Beschwerden oder Veränderungen werden häufig erstmals in Phasen hormoneller Umstellungen wahrgenommen, etwa:
Diese Beobachtungen sprechen für eine mögliche hormonelle Mitwirkung. Sie beweisen jedoch nicht, dass eine bestimmte Hormonstörung die alleinige Ursache ist. Eine routinemäßige Hormonuntersuchung kann ein Lipödem weder bestätigen noch ausschließen.
Untersucht werden unter anderem Veränderungen der Fettzellen, des Bindegewebes, der kleinen Blutgefäße und der Schmerzverarbeitung. Viele dieser Forschungsansätze sind noch nicht abschließend geklärt.
Behauptungen, das Lipödem werde typischerweise durch Verletzungen, Verbrennungen, freie Radikale oder eine Lebererkrankung ausgelöst, sind nach dem heutigen Wissensstand nicht ausreichend belegt.
Das Lipödem tritt fast ausschließlich bei Frauen auf. Einzelne Fälle bei Männern werden beschrieben, sind jedoch sehr selten.
Bei einem entsprechenden Erscheinungsbild bei Männern müssen andere Ursachen besonders sorgfältig ausgeschlossen werden. Dazu gehören unter anderem andere Fettverteilungsstörungen, Adipositas, hormonelle Erkrankungen, Nebenwirkungen bestimmter Medikamente, ein Lymphödem oder eine Lipomatosis dolorosa.
Ein Lipödem bei Männern sollte deshalb nicht allein aufgrund der äußeren Körperform diagnostiziert werden.
Ein Lipödem wird nicht durch Adipositas verursacht. Ebenso verursacht das Lipödem nicht automatisch eine Adipositas. Beide Erkrankungen können jedoch gleichzeitig auftreten.
Die Unterscheidung ist wichtig:
Eine Gewichtsabnahme kann das Lipödem nicht gezielt „wegdiäten“. Sie kann bei gleichzeitig bestehendem Übergewicht oder einer Adipositas dennoch medizinisch sinnvoll sein und auch den Umfang der Extremitäten beeinflussen.
Betroffene sollten daher weder mit dem Hinweis „Sie müssen nur abnehmen“ abgewiesen werden noch sollte eine zusätzlich bestehende Adipositas bei der Behandlung außer Acht gelassen werden.
Nein. Nach der aktuellen S2k-Leitlinie ist das Lipödem nicht grundsätzlich fortschreitend.
Bei manchen Betroffenen bleiben Fettverteilung und Beschwerden über viele Jahre weitgehend stabil. Bei anderen können Veränderungen auftreten. Mögliche Einflussfaktoren sind unter anderem:
Ein bestimmter, für alle Betroffenen gleicher Verlauf lässt sich nicht vorhersagen. Auch die Annahme, dass jede Patientin zwangsläufig von einem frühen in ein späteres Stadium übergeht, entspricht nicht dem aktuellen Wissensstand.
Traditionell wird das Lipödem anhand des äußeren Erscheinungsbildes und der Gewebemorphologie in drei Stadien eingeteilt:
Diese Einteilung beschreibt in erster Linie das Aussehen und die Gewebestruktur. Sie ist kein verlässliches Maß für die Stärke der Schmerzen, die Einschränkung im Alltag oder den individuellen Behandlungsbedarf.
Eine Patientin im sogenannten Stadium I kann stärkere Beschwerden haben als eine Patientin im Stadium III. Die Behandlung sollte deshalb nicht allein nach dem morphologischen Stadium festgelegt werden.
Die ICD-10-GM verwendet die Stadien weiterhin zur Kodierung. Medizinisch sollten sie jedoch nicht mit einem allgemeinen Schweregrad der Erkrankung gleichgesetzt werden.
Die folgende Übersicht zeigt typische Merkmale von Lipödem, Lipohypertrophie, Adipositas und Lymphödem im direkten Vergleich.
| Merkmal | Lipödem | Lipohypertrophie | Adipositas | Lymphödem |
|---|---|---|---|---|
| Vermehrtes Fettgewebe | Ja | Ja | Ja | Nicht zwingend |
| Disproportion der Extremitäten | Typisch | Typisch | Nicht zwingend | Möglich |
| Symmetrische Verteilung | Typisch | Typisch | Häufig | Häufig einseitig oder asymmetrisch |
| Druck- oder Berührungsschmerz | Charakteristisch | Nein | Nicht charakteristisch | Nicht charakteristisch |
| Hände und Füße ausgespart | Typischerweise ja | Typischerweise ja | Nein | Häufig mitbetroffen |
| Ödem | Kein notwendiges Merkmal | Nein | Möglich | Zentrales Merkmal |
| Lymphabflussstörung | Nicht vorausgesetzt | Nein | Bei Begleiterkrankung möglich | Ja |
Hinweis: Die Tabelle stellt typische Merkmale vereinfacht dar. Einzelne Beschwerden können unterschiedlich ausgeprägt sein oder sich überschneiden. Sie ersetzt daher keine ärztliche Untersuchung und Differenzialdiagnose.
Viele Betroffene berichten über eine erhöhte Neigung zu Hämatomen, also blauen Flecken. Dieses Merkmal ist jedoch nicht spezifisch genug, um ein Lipödem sicher zu diagnostizieren.
Hämatome können zahlreiche andere Ursachen haben. Dazu gehören Verletzungen, Medikamente, Gerinnungsstörungen und andere Erkrankungen. Neu auftretende, ungewöhnlich häufige oder großflächige Hämatome sollten daher unabhängig von einem möglichen Lipödem ärztlich abgeklärt werden.
Eine Hämatomneigung kann die Gesamtbeurteilung ergänzen, ersetzt aber nicht die entscheidenden Diagnosekriterien.
Nein. Das Lipödem ist keine psychische Erkrankung.
Chronische Schmerzen, Einschränkungen im Alltag, Stigmatisierung, negative Erfahrungen mit Diäten oder die lange Suche nach einer Diagnose können die psychische Gesundheit erheblich belasten. Angststörungen, Depressionen, Essstörungen oder andere psychische Belastungen können zusätzlich auftreten und sollten ernst genommen sowie bei Bedarf fachgerecht behandelt werden.
Psychische Erkrankungen erklären jedoch nicht automatisch die körperlichen Merkmale eines Lipödems. Umgekehrt darf nicht jede psychische Belastung pauschal als Folge des Lipödems angesehen werden. Beides muss individuell betrachtet werden.
Psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung bedeutet nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Sie kann ein sinnvoller Teil einer umfassenden Behandlung chronischer Schmerzen und Belastungen sein.
Die Diagnose wird klinisch gestellt. Das bedeutet, dass die Ärztin oder der Arzt die Krankengeschichte erhebt, die betroffenen Körperregionen untersucht und andere mögliche Ursachen ausschließt.
Ein einzelner Blutwert, Gentest, Ultraschallbefund oder ein anderes bildgebendes Verfahren kann ein Lipödem derzeit nicht sicher beweisen.
Zur Untersuchung gehören insbesondere:
Um Veränderungen besser beurteilen zu können, können zusätzlich Körpergewicht, Körpergröße, Taillenumfang sowie Umfangs- oder Volumenmessungen der Extremitäten dokumentiert werden.
Apparative Untersuchungen dienen vor allem dazu, andere Erkrankungen zu erkennen oder auszuschließen. Je nach Beschwerden können unter anderem sinnvoll sein:
Diese Verfahren können bei der Differenzialdiagnostik helfen. Sie stellen für sich allein aber keine Lipödemdiagnose.
Mehrere Erkrankungen oder Körperformen können einem Lipödem ähneln oder gleichzeitig damit auftreten. Dazu gehören insbesondere:
Besonders einseitige Veränderungen, deutlich betroffene Füße oder Hände, plötzlich auftretende Schwellungen, Hautentzündungen oder akute Schmerzen sind für ein reines Lipödem untypisch und sollten zeitnah ärztlich abgeklärt werden.
Eine fachärztliche Abklärung ist besonders sinnvoll, wenn:
Plötzlich auftretende einseitige Schwellungen, Rötung, Überwärmung, starke Schmerzen, Atemnot oder Brustschmerzen sind keine typischen Lipödembeschwerden und müssen umgehend medizinisch abgeklärt werden.
Die Behandlung richtet sich nach den tatsächlichen Beschwerden und Beeinträchtigungen – nicht allein nach dem äußeren Erscheinungsbild oder dem Stadium.
Mögliche Bestandteile sind:
Die manuelle Lymphdrainage ist beim reinen Lipödem nicht automatisch erforderlich, weil grundsätzlich keine Lymphabflussstörung vorausgesetzt wird. Sie kann im Einzelfall zur Beeinflussung von Schmerzen oder bei einem zusätzlich diagnostizierten Lymphödem eingesetzt werden. Die Behandlung sollte sich am individuellen Therapieziel orientieren.
Ausführliche Informationen finden Sie unter Lipödem-Therapie und Liposuktion bei Lipödem.
Seit Oktober 2025 ist die Liposuktion bei Lipödem unabhängig vom morphologischen Stadium als reguläre Behandlungsmethode der gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt. Seit dem 1. Juli 2026 stehen dafür auch die angepassten ambulanten Abrechnungsleistungen zur Verfügung.
Die Behandlung wird dennoch nicht allein aufgrund der Diagnose automatisch durchgeführt. Unter anderem müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
Das morphologische Stadium ist für die grundsätzliche Anerkennung als Kassenleistung kein Ausschlusskriterium mehr.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung. Beschwerden, Schwellungen und Veränderungen der Extremitäten können unterschiedliche Ursachen haben und sollten fachärztlich abgeklärt werden.
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