Schwere Beine, zunehmende Schwellungen und ein Gewebe, das sich im Laufe des Tages verändert: Für Betroffene ist oft nur schwer zu erkennen, welche Beschwerden zum Lipödem gehören und wann zusätzlich ein Lymphödem vorliegen könnte.
In vielen Informationen werden Lipödem und Lymphödem getrennt voneinander beschrieben. Im wirklichen Leben ist die Situation jedoch häufig komplizierter. Neben einem Lipödem können weitere Erkrankungen bestehen, die Schwellungen verursachen – beispielsweise ein Lymphödem, eine Venenerkrankung oder ein durch Adipositas begünstigtes Ödem.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: „Lipödem oder Lymphödem?“, sondern manchmal auch: „Liegt möglicherweise beides vor – und wodurch entsteht die sichtbare Schwellung tatsächlich?“
Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung des Unterhautfettgewebes, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Typisch sind eine symmetrische, disproportionale Vermehrung des Fettgewebes an Beinen und teilweise auch Armen sowie Schmerzen, Berührungs- oder Druckempfindlichkeit und eine Neigung zu blauen Flecken.
Hände und Füße bleiben beim reinen Lipödem in der Regel ausgespart. An den Beinen kann dadurch oberhalb der Knöchel ein deutlich sichtbarer Übergang entstehen.
Ein Lymphödem entsteht dagegen, wenn das Lymphsystem die anfallende Flüssigkeit und andere Stoffe nicht mehr ausreichend aus dem Gewebe abtransportieren kann. Die Folge ist eine Schwellung, die zunächst weich und eindrückbar sein kann. Mit zunehmender Dauer können sich Haut und Unterhaut verdicken und verhärten.
Lymphödeme können einseitig oder beidseitig auftreten. Häufig sind – anders als beim reinen Lipödem – auch Fußrücken, Zehen, Hände oder Finger betroffen.
Der Begriff „Wassereinlagerung“ wird im Alltag für sehr unterschiedliche Veränderungen verwendet. Medizinisch ist er ungenau. Hinter geschwollenen Beinen können unter anderem venöse, lymphatische, hormonelle, internistische oder medikamentöse Ursachen stehen.
Die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie zum Lipödem trifft an dieser Stelle eine wichtige Unterscheidung: Beim reinen Lipödem lässt sich kein typisches Ödem nachweisen. Sichtbare Umfangszunahme, Schweregefühl oder ein Spannungsgefühl bedeuten deshalb nicht automatisch, dass sich Wasser oder Lymphflüssigkeit im Gewebe angesammelt hat.
Das vermehrte und schmerzhafte Unterhautfettgewebe kann sich für Betroffene dennoch wie eine Schwellung anfühlen. Wärme, langes Stehen, hormonelle Veränderungen oder körperliche Belastung können die Beschwerden verstärken. Eine neu auftretende oder deutlich zunehmende Flüssigkeitseinlagerung sollte jedoch nicht vorschnell als „ganz normal beim Lipödem“ eingeordnet werden.
Sie kann auf eine zusätzliche Ursache hinweisen.
Ein Lipödem und ein Lymphödem können bei derselben Person vorkommen. Dafür wird teilweise der Begriff „Lipolymphödem“ verwendet.
Der Begriff ist allerdings medizinisch nicht einheitlich definiert. Insbesondere sollte aus einem bestehenden Lipödem nicht automatisch geschlossen werden, dass dieses im Laufe der Zeit zwangsläufig ein Lymphödem verursacht. Nach aktuellem Wissensstand ist ein solcher direkter Übergang nicht ausreichend belegt.
Stattdessen muss geprüft werden, ob neben dem Lipödem weitere Faktoren vorliegen, die das Lymphsystem belasten oder schädigen können. Dazu gehören beispielsweise:
Die Kombination ist daher weniger als eigenes, klar abgegrenztes Krankheitsstadium zu verstehen. Häufig handelt es sich um zwei gleichzeitig bestehende Diagnosen, deren Ursachen und Therapiebedarf getrennt beurteilt werden müssen.
Ein einzelnes Merkmal reicht für eine sichere Diagnose nicht aus. Bestimmte Veränderungen können aber Anlass für eine lymphologische Untersuchung sein.
Ein positives Stemmer-Zeichen – die Hautfalte über einer Zehe oder einem Finger lässt sich nicht abheben – spricht für ein Lymphödem. Ein negatives Zeichen schließt ein frühes Lymphödem jedoch nicht sicher aus. Auch die ältere Lymphödem-Leitlinie weist auf diese Einschränkung hin.
Lipödem, Lymphödem und andere Formen chronischer Schwellungen können ähnliche Beschwerden verursachen. Dazu gehören schwere Beine, Spannungsgefühl, Umfangszunahme und eingeschränkte Beweglichkeit.
Hinzu kommt, dass es bis heute keinen einzelnen Laborwert und keine einzelne bildgebende Untersuchung gibt, mit der ein Lipödem zweifelsfrei festgestellt werden kann. Die Diagnose stützt sich vor allem auf die Krankengeschichte, die Beschwerden und die körperliche Untersuchung.
Auch ein frühes Lymphödem kann leicht übersehen werden. Die Schwellung ist anfangs möglicherweise nur gering ausgeprägt, tritt zunächst abends auf oder geht nach dem Hochlagern wieder zurück. Hautveränderungen und ein positives Stemmer-Zeichen können erst später entstehen.
Besonders anspruchsvoll wird die Beurteilung, wenn gleichzeitig Adipositas, eine Venenerkrankung oder eine eingeschränkte Beweglichkeit bestehen. Dann können mehrere Ursachen zur Umfangszunahme beitragen.
Eine sorgfältige Untersuchung betrachtet nicht nur das sichtbare Gewebe, sondern das gesamte Beschwerdebild.
Dazu gehören unter anderem:
Entscheidend ist lymphologische Erfahrung. Gerade bei einer möglichen Kombination mehrerer Erkrankungen reicht ein kurzer Blick auf die Beine häufig nicht aus.
Beim Lipödem steht vor allem die Verringerung der Schmerzen und anderer Beschwerden im Mittelpunkt. Kompression, Bewegung, Selbstmanagement und bei entsprechender Indikation weitere konservative oder operative Maßnahmen können Bestandteil der Behandlung sein.
Bei einem Lymphödem muss zusätzlich die bestehende Abflussstörung gezielt behandelt werden. Grundlage ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie. Dazu können je nach Befund gehören:
Manuelle Lymphdrainage ist beim reinen Lipödem nicht automatisch erforderlich. Besteht jedoch zusätzlich ein nachgewiesenes Lymphödem, kann sie Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts sein.
Auch Kompressionsversorgungen müssen zum tatsächlichen Befund passen. Entscheidend sind nicht allein die Bezeichnungen „Lipödem“ oder „Lymphödem“, sondern Gewebeform, Beschwerden, Ödemausprägung, Beweglichkeit und individuelle Alltagssituation.
Entwässernde Medikamente – sogenannte Diuretika – sollen nicht zur Behandlung des Lipödems eingesetzt werden. Bei anderen internistischen Erkrankungen können sie ärztlich notwendig sein; ein Lymphödem beseitigen sie jedoch nicht.
Eine plötzlich auftretende, vor allem einseitige Schwellung sollte nicht als Lipödem oder bekanntes Lymphödem abgetan werden.
Dringend abklärungsbedürftig sind insbesondere:
Dahinter können unter anderem eine Thrombose, eine Infektion oder eine andere akute Erkrankung stecken.
Lipödem und Lymphödem müssen voneinander unterschieden werden, dürfen in der Versorgung aber nicht isoliert betrachtet werden. Ein Lipödem schließt ein Lymphödem nicht aus. Umgekehrt ist nicht jede als „Wasser“ empfundene Umfangszunahme bei einem Lipödem tatsächlich eine lymphatische Flüssigkeitseinlagerung.
Besonders wichtig ist deshalb eine ergebnisoffene Diagnostik:
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich eine Behandlung zusammenstellen, die der tatsächlichen Kombination der Beschwerden gerecht wird.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und kann eine persönliche Untersuchung und Diagnose nicht ersetzen. Neue, einseitige oder rasch zunehmende Schwellungen sollten zeitnah ärztlich abgeklärt werden.
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