Das Wissen aus der Vergangenheit ist heute unser Vorteil bei der konservativen Therapie von Lymphödemen.

Die Entdeckung des Lymphsystems im 17. Jahrhundert

Anzeichen und Symptome eines Lymphödems frühzeitig zu erkennen, ist entscheidend, um Betroffenen einen langen Leidensweg zu ersparen und die richtige Therapie einzuleiten – so kann auch ein Fortschreiten der Erkrankung vermieden werden. Grundlage der heutigen Behandlungsmethoden wie medizinische Kompression und manuelle Lymphdrainage ist ein tieferes Verständnis für das Lymphsystem. Prof. Dr. Bernd Roling ist Professor für Griechische und Lateinische Philologie an der Freien Universität Berlin. Beim Synergie Kongress des Medizinprodukte-Herstellers medi hat er die Teilnehmer:innen mitgenommen auf eine Reise in die Vergangenheit – und gezeigt, wie elementar heute die Arbeit der Wissenschaft vergangener Jahrhunderte ist.

Lieber Herr Prof. Dr. Roling, weshalb ist ein Blick in die Vergangenheit wichtig, wenn wir über das Thema Lymphödem sprechen?

„Das Lymphödem ist eine chronische Erkrankung und nicht heilbar. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland rund 80.000 Menschen daran – Tendenz steigend. (1) Unsere heutigen Erkenntnisse, wie die Erkrankung bestmöglich therapiert werden kann – mit medizinischer Kompression, manueller Lymphdrainage, Bewegung, der richtigen Hautpflege und einem kompromisslosen Selbstmanagement – wäre ohne die Entdeckung des Lymphsystems nicht möglich. Zwar reicht die Geschichte der Lymphologie weit bis in die Antike zurück – so hat beispielsweise Hippokrates bereits circa 400 v. Chr. ein ,weißes Blut‘ beschrieben, aber die eigentliche Entdeckung des Lymphsystems gelang erst im 17. Jahrhundert.“


Weshalb hat dies rund 2.000 Jahre gedauert?

„Aus religiösen Gründen waren anatomische Studien sowie Forschung an Menschen und Tieren verboten beziehungsweise verpönt. Das Wissen der Antike geriet in Vergessenheit. Erst im 17. Jahrhundert galt Naturwissenschaft wieder als Prestigeprojekt: Die Regent:innen eines Landes finanzierten Gelehrte, vergaben Stipendien und begannen, wissenschaftliche Gesellschaften zu gründen, die den Forscherdrang bündelten und publik machten, wie die Royal Society in England oder die Academie des sciences in Frankreich. Die Epoche der empirisch-experimentellen Medizin begann.“


Wer war maßgeblich für die Entdeckung des Lymphsystems verantwortlich?

„Der Italiener Gaspare Aselli wird von vielen als Entdecker der Lymphgefäße angesehen. Beim Sezieren eines Hundes hatte er im Jahr 1622 weißliche Schnüre bemerkt, die eine Flüssigkeit aussonderten – und gab ihnen den Namen venae lacticae, ,Milchgefäße‘, ohne jedoch ihre Funktion erklären zu können. Die Reichweite dieser Entdeckung konnte zum damaligen Zeitpunkt noch niemand einschätzen. Rund 30 Jahre später machte ein Franzose eine weitere Entdeckung, die die Gelehrtenwelt Europas einen entscheidenden Schritt voranbrachte: Jean Pecquet bewies, dass die ,Milchgefäße‘ nicht in die Leber führten, sondern in einen anderen Gefäßkomplex, die Lendenzisterne, und von dort weiter in den Milchbrustgang. Dies war der Beleg, dass das Lymphsystem in den Blutkreislauf übergeht.“

Wem verdanken wir schlussendlich eingehendere Erkenntnisse über das Lymphsystem?

„Das können sich zeitgleich ein schwedischer und ein dänischer Gelehrter auf die Fahnen schreiben: Olaus Rudbeck aus Västerås und Thomas Bartholin aus Kopenhagen. Beide waren vollständig unabhängig voneinander auf das gleiche Phänomen gestoßen und hatten es nach bestem Wissen und Gewissen beschrieben – und sowohl an Hunden als auch an Menschen eindeutig nachgewiesen. Zudem führte Thomas Bartholin erstmals den Begriff ,Lympha‘ ein, was aus dem Lateinischen übersetzt ,klares Wasser‘ bedeutet. Rückblickend kann man sagen, die damalige Zeit war schlichtweg reif für die Entdeckung des Lymphsystems. Trotz dieser Entdeckungen setzt sich die Geschichte der Lymphologie maßgeblich erst wieder im 19. Jahrhundert fort, als die Erkenntnisse Eingang in die heutige Schulmedizin fanden: Der dänische Biologe Emil Vodder und seine Frau, Dr. Estrid Vodder, wandten sanfte, rhythmische Handbewegungen bei Patient:innen mit geschwollenen Lymphknoten an, um die Lymphflüssigkeit zu mobilisieren. Diese praktischen Erfahrungen und die Forschung anderer Koryphäen auf dem Gebiet der Lymphologie führten in den 1970er-Jahren dazu, dass seitdem die manuelle Lymphdrainage als effektive therapeutische Methode zur Behandlung von Lymphödemen eingesetzt wird. “

Herzlichen Dank für das Interview!

Quelle:

  1. In Kürze: Was ist ein Lymphödem? Online veröffentlicht unter: https://www.phlebology.de/patienten/venenkrankheiten/lymphoedem/ (Letzter Zugriff 25.09.2024).

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