Warum fällt es uns Frauen mit Lipödem eigentlich so schwer, Frieden mit unserem Körper zu schließen? Diese Frage beschäftigt mich schon seit vielen Jahren. Früher war ich fest davon überzeugt, dass sich dieses Gefühl irgendwann von allein verändern würde.
Dann, wenn ich weniger Schmerzen hätte, meine Beine anders aussehen würden, ich abgenommen hätte oder meine Liposuktionen endlich hinter mir lägen. Ich dachte wirklich: Wenn sich mein Körper verändert, dann verändert sich automatisch auch mein Blick auf mich selbst.
Heute weiß ich, dass ich mit diesen Gedanken nicht allein war und nicht allein bin. In den vergangenen Jahren durfte ich mit so vielen Frauen mit Lipödem sprechen, und dabei ist mir immer wieder etwas aufgefallen: Die meisten kämpfen nicht nur gegen die Erkrankung. Sie kämpfen gegen ihr Spiegelbild, gegen Kleidergrößen, gegen Fotos, gegen Kommentare und irgendwann auch gegen sich selbst. Dieser innere Kampf ist für andere oft unsichtbar, aber er kostet jeden Tag unglaublich viel Kraft.
Vielleicht kennst du diese Situation. Du stehst morgens vor dem Spiegel und noch bevor du dir selbst einen guten Morgen wünschst, wandert dein Blick sofort zu deinen Beinen oder zu den Stellen, die dir nicht gefallen. Du schaust nicht zuerst in dein Gesicht und nicht in deine Augen. Die Frau, die dir dort eigentlich entgegenblickt, wird beinahe übersehen, weil sich deine Aufmerksamkeit sofort auf das richtet, was deiner Meinung nach nicht richtig ist.
So ging es mir früher sehr oft. Mein Blick suchte regelrecht nach Fehlern. Noch bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hatte, war ich innerlich schon unzufrieden mit mir. Dabei hatte sich über Nacht natürlich nichts verändert. Trotzdem startete ich mit dem Gefühl, dass mein Körper wieder einmal nicht meinen Vorstellungen entsprach.
Auch beim Einkaufen kann dieser innere Kampf plötzlich laut werden. Du probierst eine Hose an, sie sitzt nicht so, wie du es dir gewünscht hast, und statt zu denken, dass der Schnitt einfach nicht zu deinem Körper passt, gibst du dir selbst die Schuld. Die Hose ist nicht das Problem. In deinem Kopf bist du das Problem. Genau solche kleinen Situationen sammeln sich über Jahre an und prägen unseren Blick auf uns selbst stärker, als uns oft bewusst ist.
Keine von uns wacht morgens auf und entscheidet sich bewusst dafür, den eigenen Körper abzulehnen. Dieser Kampf beginnt häufig viel früher, manchmal sogar lange vor der Diagnose. Vielleicht hast du schon als junges Mädchen Sätze gehört wie: „Du musst einfach weniger essen“, „Du solltest mehr Sport machen“ oder „Andere schaffen das doch auch.“
Solche Aussagen hinterlassen Spuren. Irgendwann werden daraus eigene Gedanken. Plötzlich glaubst du, nicht diszipliniert genug, nicht stark genug oder einfach allgemein nicht gut genug. Du probierst eine Diät nach der anderen, meldest dich bei Abnehmprogrammen an und setzt deine Hoffnung auf Versprechen, die dir endlich die Veränderung bringen sollen, nach der du dich so sehr sehnst.
Wenn diese Methoden nicht funktionieren, denkst du vielleicht nicht daran, dass das Konzept ungeeignet war oder das Lipödem eine wichtige Rolle spielt. Stattdessen suchst du den Fehler wieder bei dir. Du redest dir ein, versagt zu haben oder dich einfach nicht genug angestrengt zu haben. Genau das macht diesen Kreislauf so schmerzhaft: Nicht nur der Körper wird zum Problem erklärt, sondern der ganze Mensch.
Dabei fehlt den meisten Frauen mit Lipödem gar nicht das Wissen. Viele wissen sehr genau, dass Bewegung wichtig ist, welche Lebensmittel ihnen gut tun und wie hilfreich Kompression, Lymphdrainage oder andere Maßnahmen sein können. Wissen allein beendet jedoch nicht den inneren Kampf. Du kannst sehr viel über Ernährung, Bewegung und Lipödem wissen und dich trotzdem jeden Tag als ungenügend empfinden.
Besonders im Sommer wird dieser Kampf für viele Frauen spürbar. Während andere sich auf warme Tage, leichte Kleidung und Ausflüge an den See oder ins Schwimmbad freuen, beginnt für manche Betroffene ein regelrechtes Versteckspiel. Lange Hosen werden über der Kompression getragen, obwohl es viel zu warm ist. Röcke und Kleider bleiben im Schrank, und Einladungen ins Schwimmbad oder an den See werden mit Ausreden abgesagt.
Ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Ich hatte Angst vor Blicken, vor Getuschel und vor Kommentaren. Wildfremde Menschen schienen plötzlich das Recht zu haben, meinen Körper zu betrachten und zu bewerten. Also zog ich mich lieber zurück, bevor jemand die Gelegenheit dazu bekam.
Das Traurige daran ist, dass wir irgendwann anfangen, unser ganzes Leben nach dem Lipödem auszurichten. Wir machen nicht mehr das, worauf wir wirklich Lust haben. Wir vermeiden Veranstaltungen, lassen uns auf Fotos nur noch versteckt abbilden oder wollen am liebsten gar nicht mehr darauf zu sehen sein. Wir verzichten auf Momente, die eigentlich schön sein könnten, weil die Angst vor Bewertungen oder negativen Erfahrungen stärker ist als die Vorfreude.
Oft merken wir gar nicht, wie viel Lebenszeit dabei verloren geht. Wir verschieben das Lieblingskleid, den Besuch im Freibad, die langersehnte Urlaubsreise oder das Foto mit unseren Liebsten auf später. Immer in der Hoffnung, dass wir uns irgendwann gut genug fühlen werden. Doch was passiert, wenn dieses „Irgendwann“ nicht kommt?
Wenn über Selbstannahme gesprochen wird, fällt häufig das Wort Selbstliebe. Ganz ehrlich: Ich empfinde diesen Begriff manchmal als sehr groß und beinahe überfordernd. Wenn du deinen Körper jahrelang kritisiert, abgelehnt oder sogar gehasst hast, kannst du nicht erwarten, dass du morgen aufwachst und plötzlich alles an dir liebst.
Vielleicht geht es auch gar nicht darum. Vielleicht reicht es für den Anfang, den täglichen Kampf zu beenden. Du musst nicht jedes Körperteil schön finden. Du darfst dir Veränderungen wünschen, du darfst traurig oder frustriert sein, und du darfst Tage haben, an denen dir der Blick in den Spiegel schwerfällt. Entscheidend ist, ob du dich in diesen Momenten zusätzlich fertig machst oder ob du beginnst, dir selbst mit etwas mehr Verständnis zu begegnen.
Für mich war genau das ein wichtiger Wendepunkt. Ich musste nicht lernen, meinen Körper jeden Tag wunderschön zu finden. Ich musste verstehen, dass er nicht mein Gegner ist. Mein Körper lässt mich nicht absichtlich im Stich und er trägt mich noch heute jeden Tag durchs Leben, auch an den Tagen, an denen eben nicht alles nach Plan läuft.
Heute bewege ich mich nicht mehr, um meinen Körper zu bestrafen oder möglichst viele Kalorien zu verbrennen. Ich bewege mich, weil ich spüre, wie gut es mir tut, wie sehr mein Lymphsystem davon profitiert und wie positiv sich regelmäßige Bewegung auf meine Schmerzen und meine Stimmung auswirkt.
Auch meine Ernährung betrachte ich inzwischen anders. Ich esse nicht bewusst, weil mein Körper erst eine bestimmte Form erreichen muss, bevor er akzeptabel ist. Ich achte auf meine Ernährung, weil ich mich selbst ernst nehme und weil ich weiß, dass manche Lebensmittel meinem Körper gut tun und andere meine Beschwerden eher verstärken können.
Dasselbe gilt für meine Kompression. Früher wollte ich sie möglichst verstecken. Heute trage ich sie, weil sie mich unterstützt und mir Erleichterung bringt. Ich habe sogar begonnen, Kleider und Röcke dazu zu tragen und mich modisch ganz neu auszuprobieren. Das hätte ich mir früher kaum vorstellen können.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht nur in meinem Verhalten, sondern in der Haltung dahinter. Früher tat ich vieles, weil ich gegen meinen Körper arbeitete. Heute tue ich es, weil ich mit ihm arbeiten möchte. Das nimmt nicht alle schwierigen Gefühle weg, aber es verändert die Beziehung zu mir selbst.
Viele Frauen verbinden mit einer Liposuktion große Hoffnungen. Das kann ich sehr gut verstehen, denn eine Operation kann unglaublich viel verändern. Sie kann Schmerzen lindern, die Beweglichkeit verbessern und neue Lebensqualität schenken. Gleichzeitig verändert sie nicht automatisch die Gedanken, die wir über Jahre oder sogar Jahrzehnte über uns selbst entwickelt haben.
Auch ich dachte, dass sich mein Blick auf meinen Körper nach den Liposuktionen ganz von allein verändern würde. Mein Körper veränderte sich tatsächlich, doch mein Kopf brauchte wesentlich länger. Selbstzweifel, Unsicherheiten und ein verzerrtes Körperbild verschwinden nicht automatisch mit einer Operation. Sie können weiterhin da sein, selbst wenn das Ergebnis medizinisch und äußerlich gut ist.
Manchmal schaut eine Frau nach einer Liposuktion in den Spiegel und sieht trotzdem zuerst das, was sie stört. Manchmal bleiben Schmerzen bestehen, und auch die Kompression kann weiterhin zum Alltag gehören. Vielleicht wartet sie auf dieses große Glücksgefühl, von dem andere gesprochen haben, und wundert sich, warum es noch nicht da ist.
Das bedeutet nicht, dass die Operation nichts gebracht hat. Es kann einfach bedeuten, dass die Seele und der Kopf mehr Zeit benötigen als der Körper. Diese Erkenntnis ist wichtig, weil sie den Druck herausnimmt. Du musst dich nach einer Veränderung nicht sofort vollkommen glücklich fühlen. Auch die innere Verarbeitung darf ihren eigenen Weg und ihr eigenes Tempo haben.
Wie oft hast du dir schon gesagt, dass du glücklich sein wirst, wenn du erst abgenommen hast, wenn deine Schmerzen weniger geworden sind, wenn deine Beine anders aussehen oder wenn die Operationen hinter dir liegen? Solche Gedanken fühlen sich zunächst hoffnungsvoll an, doch sie bergen eine große Gefahr: Wir knüpfen unser ganzes Leben an unrealistische Bedingungen.
Solange diese Bedingungen nicht erfüllt sind, warten wir. Wir verschieben den Sommer, das Lieblingskleid, Fotos, Reisen und gemeinsame Momente. Wir erlauben uns nicht, das Leben heute zu genießen, weil wir glauben, erst eine andere Version von uns werden zu müssen.
Doch unsere Lebenszeit ist begrenzt und viel zu kostbar, um sie immer wieder auf später zu verschieben. Dein Körper muss nicht perfekt werden, bevor du schöne Erinnerungen sammeln darfst. Du musst nicht erst eine bestimmte Kleidergröße tragen, bevor du auf ein Foto darfst. Du musst auch nicht warten, bis alle Schmerzen verschwunden sind, bevor du dir erlaubst, Freude zu empfinden.
Vielleicht beginnt Frieden mit deinem Körper nicht dann, wenn sich im Außen alles verändert hat. Vielleicht beginnt er in dem Moment, in dem du dich entscheidest, nicht länger jeden Tag gegen dich selbst zu kämpfen.
Ich wünsche jeder Frau mit Lipödem weniger Schmerzen, mehr Beweglichkeit und mehr Leichtigkeit. Ich wünsche jeder Betroffenen, dass sie die medizinische Unterstützung erhält, die sie braucht, und ihren ganz persönlichen Weg findet. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir unseren eigenen Wert nicht länger davon abhängig machen, wie unsere Beine aussehen oder ob unser Körper einer bestimmten Norm entspricht.
Du musst deinen Körper nicht von heute auf morgen lieben. Du musst auch nicht so tun, als wäre alles gut, wenn es sich für dich gerade nicht gut anfühlt. Vielleicht kannst du jedoch beginnen, etwas freundlicher mit dir zu sprechen und anzuerkennen, was dein Körper jeden Tag für dich leistet.
Dein Körper muss nicht perfekt sein, um deine Wertschätzung zu verdienen. Vielleicht ist es an der Zeit, nicht mehr nur das Lipödem im Spiegel zu sehen, sondern auch die Frau, die so viel erlebt, ausgehalten und geleistet hat.
Ohne konservative Therapie keine Liposuktion
Auch 2026 bleibt klar: Vor einer Liposuktion muss eine mindestens sechsmonatige konservative Behandlung erfolgt sein. Diese Voraussetzung ist gesetzlich festgelegt.
Was zählt als konservative Therapie?
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