Du bist müde, deine Beine schmerzen und eigentlich brauchst du eine Pause. Dann fragt jemand, ob du noch helfen, mitkommen oder länger bleiben kannst.
In dir denkst du längst: „Eigentlich ist mir das zu viel.“ Und trotzdem sagst du: „Ja, klar.“
Kommt dir das bekannt vor?
Grenzen setzen bei Lipödem kann besonders wichtig sein, denn deine Kraft und Energie sind nicht unendlich. Trotzdem fällt es vielen Frauen schwer, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, „Nein“ zu sagen und sich Pausen zu erlauben.
In meiner neuen YouTube-Folge spreche ich mit Juliane von den Lipödem-Heldinnen darüber, was People Pleasing und Selbstwert damit zu tun haben – und warum ein „Nein“ zu anderen manchmal ein wichtiges „Ja“ zu dir selbst sein kann.
Wir möchten niemanden enttäuschen. Wir haben Angst vor Konflikten, wollen nicht egoistisch wirken oder bekommen nach einer Absage sofort ein schlechtes Gewissen.
Also funktionieren wir weiter.
Gerade People Pleasing kann dazu führen, dass wir viel für andere tun und unsere eigenen Bedürfnisse immer wieder hinten anstellen.
Juliane und ich sprechen im Interview offen darüber, welche Rolle der Selbstwert dabei spielt: das Gefühl, wertvoller zu sein, wenn wir besonders viel für andere geben.
Doch wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, zahlt dafür mit seiner Energie.
Bevor du eine Grenze setzen kannst, musst du überhaupt erkennen, wo deine Grenze liegt.
Juliane beschreibt beispielsweise innere Unruhe, stärkere Schmerzen und Schwellungen sowie Schlafprobleme als ihre persönlichen Warnsignale dafür, dass sie bereits zu weit gegangen ist.
Deine Signale können andere sein. Entscheidend ist, nicht erst hinzuschauen, wenn dein Akku vollkommen leer ist.
Frag dich deshalb regelmäßig:
Stell dir deine Energie wie ein Glas vor.
Jedes Mal, wenn du etwas gibst, schüttest du ein wenig davon aus. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Doch wenn du ständig für andere da bist und dein eigenes Energieglas nie wieder auffüllst, ist es irgendwann leer.
Grenzen zu setzen bedeutet deshalb nicht, nur noch an dich zu denken. Es bedeutet, darauf zu achten, dass auch für dich noch etwas im Glas bleibt.
Nicht jeder Mensch muss den gleichen Stellenwert in deinem Leben haben oder zu deinem engsten Kreis – deinem „Inner Circle“ – gehören.
Unsere Empfehlung ist, Begegnungen bewusst zu reflektieren:
Dabei geht es nicht darum, Menschen vorschnell als gut oder schlecht zu bewerten. Es geht darum zu erkennen, welche Beziehungen dir guttun und welche dich viel Energie kosten.
Das gilt auch für Familie und langjährige Freundschaften.
Mehr Abstand bedeutet nicht zwangsläufig, einen Menschen komplett aus deinem Leben zu streichen. Manchmal bedeutet es einfach, deine emotionalen Grenzen besser zu schützen.
Du hast „Nein“ gesagt und anschließend beginnt das Gedankenkarussell:
„War das unhöflich? Ist die Person jetzt sauer? Hätte ich doch zusagen sollen?“
Oft kann ein Perspektivenwechsel helfen: Was würdest du deiner besten Freundin in derselben Situation raten?
Würdest du von ihr verlangen, trotz Schmerzen oder Erschöpfung weiterzumachen?
Vermutlich nicht.
Warum solltest du also mit dir selbst weniger verständnisvoll umgehen?
Gerade Familienfeiern und gesellschaftliche Situationen können herausfordernd sein.
„Jetzt iss doch noch ein Stück!“
„Ein Glas kannst du doch mittrinken!“
„Warum gehst du denn schon?“
Auch hier darfst du Grenzen setzen.
Juliane erzählt beispielsweise, dass sie keinen Alkohol mehr trinkt, weil diese Entscheidung ihr guttut. Bei längeren Feiern setzt sie sich außerdem bewusst einen zeitlichen Rahmen und erlaubt sich zu gehen, bevor die Situation für sie kippt.
Auch kleine Pausen können helfen: kurz rausgehen, tief durchatmen, spazieren gehen oder für einen Moment Ruhe suchen.
Du musst nicht erst vollkommen erschöpft sein, bevor du dir eine Pause erlaubst.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft: Eigene Grenzen zu setzen macht dich nicht automatisch egoistisch.
Grenzen können ein wichtiger Teil von Selbstfürsorge und Selbstverantwortung sein.
Statt nur zu fragen: „Was erwarten die anderen von mir?“, darfst du auch fragen: „Was brauche ich gerade?“
Und manchmal darf die Antwort darauf eben auch „Nein“ sein.
Grenzen setzen ist ein Prozess. Du kannst lernen, deine körperlichen und emotionalen Signale früher wahrzunehmen, Bedürfnisse klarer auszusprechen und „Nein“ zu sagen, ohne dich dafür endlos zu rechtfertigen.
Denn: Ein „Nein“ zu jemand anderem kann ein „Ja“ zu dir selbst sein. ❤️
In der ausführlichen Folge sprechen Juliane und ich über Lipödem und Grenzen setzen, People Pleasing, Selbstwert, Schuldgefühle, Energieräuber und Selbstfürsorge.
Und danach stell dir einmal ganz ehrlich die Frage:
Wo sage ich in meinem Leben noch „Ja“, obwohl ich eigentlich „Nein“ meine?
Deine Tina
(zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach)
© Lymphnetzwerk - Alle Rechte vorbehalten.