Mama zu sein ist wunderschön. Es gibt diese Momente, in denen dein Kind dich anlacht, seine Arme um dich legt oder dir ganz selbstverständlich zeigt, dass du gerade der wichtigste Mensch auf der Welt bist. Und dann gibt es Momente, in denen du morgens die Augen öffnest und eigentlich schon müde bist. Noch bevor du richtig wach bist, will dein Kind schon alles Mögliche von dir. Dann heißt es Frühstück machen, Kind(er) anziehen, ab zum Kindergarten, Haushalt machen, den ein oder anderen Einkauf erledigen und eine Menge anderer Termine, und vielleicht wartet nebenbei auch noch dein Job. Du organisierst, kümmerst dich, denkst für alle mit und versuchst, den Familienalltag irgendwie am Laufen zu halten.
Wenn du Mama mit Lipödem bist, kommt zu diesem ohnehin schon vollen Alltag noch etwas hinzu: Dein Lipödem verschwindet leider nicht, nur weil du gerade wenig Zeit hast. Auch dein Körper braucht Aufmerksamkeit. Kompression, Bewegung, eine für dich passende Ernährung, Lymphdrainage oder wichtige Arzttermine gehören möglicherweise zu deinem persönlichen Lipödem-Selbstmanagement. Du weißt vielleicht ganz genau, was dir guttut – und trotzdem fehlt im Mama-Alltag häufig die Zeit oder schlicht die Energie dafür.
Und genau dann passiert etwas, das vermutlich viele Mamas kennen: Alle anderen stehen auf deiner Prioritätenliste ziemlich weit oben. Nur du selbst rutschst immer weiter nach unten.
Genau darüber spreche ich in meiner neuen YouTube-Folge mit Sarah. Sie ist zweifache Mama, Yogalehrerin, selbst Lipödem-Betroffene und bereits seit vielen Jahren Teil meines Teams. Sarah kennt deshalb beide Seiten: Sie weiß, wie wichtig Bewegung, Ernährung, Entspannung und ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper bei Lipödem sein können. Gleichzeitig kennt sie die Realität mit zwei kleinen Kindern, in der sich eben nicht jeder Tag nach den eigenen Bedürfnissen planen lässt.
Besonders der Schlafmangel ist für Sarah ein Thema. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter merkte sie, wie sehr schlechte Nächte, Stress und fehlende Erholung ihre Schmerzen beeinflussen können. Auch heute gibt es Nächte, nach denen sie morgens aufwacht und bereits merkt, dass ihr Körper reagiert oder viel mehr rebelliert. Gleichzeitig wartet natürlich niemand darauf, dass Mama sich erst einmal erholt. Die Kinder brauchen sie trotzdem, der Alltag läuft weiter und die Aufgaben werden nicht weniger.
Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Du weißt, dass dir Bewegung guttun würde, aber nach einer schlechten Nacht fehlt dir die Kraft. Du möchtest eigentlich frisch und ausgewogen kochen, aber heute muss es schnell gehen. Du musst dich um einen wichtigen Termin beim Arzt kümmern, doch im Kalender stehen schon die Termine der Kinder. Also sagst du dir: „Heute nicht. Morgen kümmere ich mich darum."
Und aus diesem Morgen kann ziemlich schnell nächste Woche werden.
Vielleicht kennst du diesen Gedanken: Wenn das Baby endlich durchschläft, wird es leichter. Wenn das Kind in den Kindergarten kommt, habe ich wieder mehr Zeit. Wenn die Kinder selbstständiger sind, kann ich mich wieder mehr um mich, meinen Körper und mein Lipödem kümmern.
Aber gibt es diesen einen Zeitpunkt wirklich?
Auch größere Kinder brauchen ihre Mama. Die Herausforderungen verändern sich, aber der Familienalltag löst sich nicht plötzlich in Luft auf. Und so kann aus einem „später" irgendwann eine sehr lange Zeit werden, in der du zwar wunderbar für alle anderen sorgst, dich selbst aber immer wieder vertröstest.
Dabei geht es überhaupt nicht darum, dass du zusätzlich zu allem anderen jetzt auch noch die perfekte Ernährung, ein tägliches Sportprogramm, Kompression, Hautpflege, Lymphdrainage und sämtliche andere Maßnahmen perfekt in deinen Alltag integrieren musst. Eine solche Erwartung würde nur noch mehr Druck erzeugen. Viel wichtiger ist zunächst eine andere Frage: Kommst du in deinem eigenen Leben überhaupt noch vor?
An dieser Stelle wird unser Gespräch mit Sarah ein wenig unbequem. Denn natürlich gibt es diese Tage, an denen wirklich nichts geht. Kinder werden krank, Nächte sind katastrophal, Termine überschneiden sich und manchmal ist man abends einfach froh, dass alle einigermaßen zufrieden im Bett liegen. Es wäre völlig unrealistisch zu behaupten, dass eine Mama immer nur „besser planen" müsste und dann schon genügend Zeit für alles hätte.
Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Sarah sagt in unserem Gespräch sehr offen: Wenn wir eine Ausrede suchen, dann finden wir meistens auch eine. Und Kinder liefern uns natürlich jede Menge gute Gründe, warum etwas gerade nicht geht. Das bedeutet nicht, dass diese Gründe nicht real sind. Aber vielleicht ist „Ich habe keine Zeit" manchmal eben doch nur die halbe Wahrheit.
Die spannendere Frage könnte deshalb lauten: Habe ich wirklich keine Zeit oder gebe ich mir selbst und meinen Bedürfnissen gerade keine ausreichend hohe Priorität?
Das kann im ersten Moment wehtun. Vor allem dann, wenn du dich darin wiedererkennst. Es soll aber kein Vorwurf sein und schon gar kein Grund für ein weiteres schlechtes Gewissen. Es geht vielmehr darum, ehrlich hinzuschauen und zu erkennen, wo vielleicht kleine Veränderungen möglich wären.
Bei Selbstfürsorge denken wir schnell an eine freie Stunde, Yoga, Wellness oder einen entspannten Nachmittag nur für uns. Mit kleinen Kindern klingt das manchmal eher nach einem Wunschtraum als nach einem realistischen Alltag. Doch Selbstfürsorge bei Lipödem und im Mama-Alltag darf viel kleiner beginnen.
Sarah erzählt beispielsweise von diesen typischen Situationen, in denen man gerade seinen Kaffee austrinken oder einfach einmal kurz alleine auf die Toilette gehen möchte, und genau dann ertönt irgendwo das obligatorische „Mamaaaa!". Sie hat für sich gelernt, dass ihre Kinder auch einmal kurz warten dürfen. Nicht, weil ihre Bedürfnisse unwichtig wären, sondern weil eine Mama ebenfalls Bedürfnisse hat.
Vielleicht sind es für dein Kind nur fünf Minuten. Für dich können genau diese fünf Minuten aber unglaublich wertvoll sein. Du kannst etwas zu Ende bringen, kurz durchatmen oder einfach einmal deinen Kaffee warm austrinken. Das klingt banal, aber vielleicht beginnt genau dort die Erkenntnis, dass du nicht bei jedem Schrei sofort aufspringen musst und dass es vollkommen in Ordnung ist, auch dir selbst Raum zu geben.
Selbstfürsorge muss nicht perfekt sein. Sie muss vor allem in dein echtes Leben passen.
Dieser Gedanke ist für mich einer der emotionalsten Punkte unseres Gesprächs. Als Mama möchtest du für deine Kinder da sein. Du möchtest sie begleiten, beschützen, auffangen und ihnen möglichst viel mitgeben. Vielleicht stellst du deine eigenen Bedürfnisse deshalb ganz selbstverständlich zurück, weil du glaubst, dass genau das eine gute Mama ausmacht.
Doch was haben deine Kinder langfristig davon, wenn du über Jahre nur funktionierst? Was haben sie davon, wenn du irgendwann keine Energie mehr hast, wenn du ständig erschöpft bist, deine Beschwerden stärker werden oder du körperlich und mental an deine Grenzen kommst?
Sarah sagt im Gespräch einen Satz, der im ersten Moment vielleicht sogar provoziert: „Du bist dir der wichtigste Mensch."
Gerade als Mama könnte dein erster Gedanke sein: Nein, meine Kinder sind doch die wichtigsten Menschen für mich. Aber vielleicht müssen wir das gar nicht gegeneinander ausspielen. Denn wenn es dir gut geht, hast du auch mehr Kraft für deine Familie. Wenn du dich um deinen Körper und dein Lipödem-Selbstmanagement kümmerst, kannst du vielleicht aktiver am Familienleben teilnehmen. Wenn du dir Pausen erlaubst, bist du womöglich geduldiger und ausgeglichener. Und wenn du deine eigenen Bedürfnisse ernst nimmst, lebst du deinen Kindern etwas vor, das sie für ihr eigenes Leben lernen dürfen.
Auf dich zu achten bedeutet deshalb nicht automatisch, weniger für deine Kinder da zu sein. Vielleicht bedeutet es sogar, langfristig besser für sie da sein zu können.
Gerade für Frauen mit Lipödem bekommt dieser Gedanke noch eine zusätzliche Bedeutung. Viele Mütter fragen sich, ob ihre Tochter später ebenfalls Lipödem entwickeln könnte. Sarah beschäftigt diese Frage auch. Umso wichtiger ist ihr, was sie ihrer Tochter heute über Körper, Schönheit und Selbstwert vorlebt.
Kinder hören schließlich nicht nur, was wir ihnen sagen. Sie beobachten uns. Sie sehen, wie wir über unseren Körper sprechen, ob wir uns im Spiegel kritisch betrachten, ob Bewegung für uns eine Strafe oder etwas Wohltuendes ist und ob wir unsere eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Sarah erlebt bei ihrer Tochter immer wieder, wie stark Kinder das Verhalten ihrer Eltern spiegeln.
Deshalb versucht sie, ihrer Tochter einen liebevollen Blick auf den eigenen Körper mitzugeben. Dickere Beine, ein Bauch, Kleidung oder Schmuck entscheiden nicht darüber, ob ein Mensch schön ist. Sarah formuliert es für ihre Tochter viel einfacher: Ein Mensch ist am schönsten, wenn er lacht.
Ich finde, dieser Satz darf auch uns erwachsene Frauen berühren. Denn gerade mit Lipödem verbringen viele Frauen Jahre damit, ihren Körper kritisch zu betrachten, gegen ihn anzukämpfen oder sich mit anderen zu vergleichen. Vielleicht können wir unseren Kindern nur dann glaubwürdig einen liebevollen Umgang mit ihrem Körper vorleben, wenn wir beginnen, auch unseren eigenen Körper ein Stück weit anders zu betrachten.
Ein weiterer Punkt, der im Alltag vieler Mamas eine große Rolle spielt, ist das schlechte Gewissen, wenn andere auf die Kinder aufpassen sollen. „Ich kann doch nicht schon wieder meine Eltern fragen." „Mein Partner hat auch einen anstrengenden Tag." „Ich kann mein Kind doch nicht abgeben, nur damit ich zum Sport gehe."
Sarah musste nach der Geburt ihrer ersten Tochter selbst lernen, Unterstützung anzunehmen. Eine Freundin erinnerte sie damals daran, dass sie nicht nur Mama ist. Sie ist auch immer noch Sarah. Heute nimmt sie Hilfe von ihrem Mann, den Großeltern oder Freunden bewusst an, wenn sie Zeit für sich braucht.
Und vielleicht dürfen wir genau an diesem Punkt umdenken. Deine Kinder verbringen möglicherweise eine wunderschöne Zeit mit Oma und Opa, während du dich bewegst. Dein Partner kann übernehmen, während du zur Lymphdrainage gehst. Eine Freundin kann dich unterstützen, damit du einen Termin wahrnehmen kannst. Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, dass du deine Kinder abschiebst oder weniger für sie da bist.
Manchmal bedeutet es einfach nur, dass du akzeptierst, dass du nicht alles alleine tragen musst.
Auch Bewegung muss mit Kindern nicht genauso aussehen wie früher. Vielleicht hattest du einmal Zeit für längere Trainingseinheiten oder konntest spontan entscheiden, wann du Sport machst. Mit Kindern funktioniert das häufig nicht mehr. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Bewegung keinen Platz mehr haben kann.
Sarah erzählt beispielsweise, dass sie den Spielplatz teilweise für ihr eigenes kleines Workout nutzt. Während die Kinder spielen, bewegt sie sich mit, klettert oder macht Übungen. Auch bei ihren Onlinekursen erlebt sie, dass Kinder manchmal einfach mitmachen. Es muss also nicht immer die perfekte Sporteinheit sein, für die du eine Stunde ungestörte Zeit brauchst.
Gerade Bewegung bei Lipödem darf sich deinem Leben anpassen. Vielleicht ist es ein Spaziergang mit dem Kinderwagen, eine kurze Yogaeinheit, zehn Minuten Training zu Hause oder gemeinsames Toben auf dem Spielplatz. Entscheidend ist nicht, dass es perfekt aussieht. Entscheidend ist, dass du eine Möglichkeit findest, die für dich realistisch ist und dir guttut.
Wenn du bis hierher gelesen hast, möchte ich dir eine Frage mitgeben, die auch Sarah am Ende unseres Gesprächs stellt: Wo stehst du gerade auf deiner eigenen Prioritätenliste?
Vielleicht bist du ganz oben. Vielleicht irgendwo in der Mitte. Vielleicht stellst du aber auch fest, dass du schon ziemlich lange ganz unten stehst.
Dann musst du nicht morgen dein komplettes Leben verändern. Vielleicht beginnt es mit zehn Minuten Bewegung, einem Spaziergang oder einem Termin, den du schon lange vor dir herschiebst. Vielleicht bittest du deinen Partner darum, eine Stunde zu übernehmen. Vielleicht nimmst du Hilfe von deinen Eltern oder einer Freundin an. Oder du setzt dich heute Abend einfach für ein paar Minuten hin und fragst dich: Was brauche eigentlich ich gerade?
Nicht deine Kinder. Nicht dein Partner. Nicht dein Arbeitgeber und auch nicht der Haushalt. Sondern du.
Denn vielleicht geht es gar nicht darum, noch mehr in deinen ohnehin vollen Mama-Alltag hineinzupressen. Vielleicht geht es darum, dich selbst darin wiederzufinden.
Du kannst deine Kinder von ganzem Herzen lieben und trotzdem manchmal denken: „Ich kann gerade nicht mehr." Du kannst unglaublich gerne Mama sein und trotzdem Zeit ohne deine Kinder brauchen. Du kannst deine Familie an erste Stelle setzen und gleichzeitig verstehen, dass du ein wichtiger Teil dieser Familie bist.
Und gerade wenn du mit Lipödem lebst, ist es kein Luxus, dich um deinen Körper und deine Gesundheit zu kümmern. Dein Lipödem wartet nicht darauf, dass irgendwann eine ruhigere Lebensphase beginnt. Deshalb darf ein gutes Selbstmanagement bei Lipödem auch in einem turbulenten Mama-Alltag seinen Platz finden, vielleicht nicht perfekt und vielleicht nicht jeden Tag gleich, aber immer wieder.
Du musst nicht alles schaffen. Du musst keine perfekte Mama sein. Und du musst auch nicht jeden Tag alles richtig machen.
Aber vielleicht darfst du aufhören, dich selbst immer wieder auf später zu verschieben.
Denn möglicherweise ist genau das eines der wertvollsten Dinge, die du deinen Kindern vorleben kannst: Mama liebt uns von ganzem Herzen. Aber Mama vergisst dabei nicht, auch auf sich selbst zu achten.
Wenn du beim Lesen an der einen oder anderen Stelle gedacht hast: „Ja, genau so ist es bei mir", dann möchte ich dir unser Gespräch mit Sarah ans Herz legen. Denn Sarah spricht nicht aus der Theorie, sondern aus ihrem eigenen Leben als zweifache Mama mit Lipödem – ehrlich, ungeschönt, mit allen Höhen und Tiefen, die dazugehören.
Und vielleicht bringt es dich dazu, dir selbst einmal ganz ehrlich die Frage zu stellen: Wo stehe ich eigentlich auf meiner eigenen Prioritätenliste und wo möchte ich in Zukunft stehen?
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Deine Tina (zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach)
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