Von Tina Schwarz
„Jetzt ziehe ich wirklich durch.“
Diesen Satz habe ich mir früher unzählige Male gesagt. Montag sollte immer der Tag sein, an dem endlich alles anders wird: weniger essen, mehr Disziplin, keine Schokolade mehr, möglichst keine Kohlenhydrate, Kalorien zählen, Sport bis zur völligen Erschöpfung – und diesmal bloß kein Rückfall.
Vielleicht kennst du diese Gedanken selbst nur zu gut.
Gerade Frauen mit Lipödem haben häufig eine lange Diätgeschichte hinter sich: Low Carb, Intervallfasten, Shakes, Punkte zählen, FDH oder radikale Programme aus dem Internet. Immer verbunden mit der Hoffnung, endlich abzunehmen, endlich „normal“ zu sein und sich wieder wohl im eigenen Körper zu fühlen.
Doch was passiert bei vielen Frauen irgendwann?
Der Druck wird immer größer. Die Gedanken kreisen nur noch ums Essen. Die Angst vor einer Gewichtszunahme wächst und Schuldgefühle begleiten plötzlich jeden einzelnen Bissen. Viele verlieren dadurch irgendwann komplett das Gefühl dafür, was Hunger, Sättigung oder Genuss überhaupt bedeuten.
Und genau dort beginnt oft ein Teufelskreis, aus dem viele allein kaum noch herausfinden.
Viele Frauen mit Lipödem stecken jahrelang in einem belastenden Kreislauf fest: Man startet motiviert in die nächste Diät, nimmt sich vor, diesmal alles perfekt zu machen und hält eine Zeit lang auch konsequent durch. Vielleicht zeigt die Waage anfangs sogar Erfolge – und mit ihnen kommt neue Hoffnung.
Doch gleichzeitig beginnt oft genau dort bereits der innere Stress.
Plötzlich gibt es nur noch „erlaubte“ und „verbotene“ Lebensmittel. Essen wird kontrolliert, bewertet und ständig hinterfragt. Viele Frauen entwickeln Angst vor Restaurantbesuchen, Einladungen oder Familienfeiern, weil sich alles nur noch darum dreht, bloß nichts falsch zu machen.
Und irgendwann kommt häufig dieser eine Moment:
Stress im Beruf, Streit, Überforderung, Einsamkeit oder einfach emotionale Erschöpfung.
Dann eskaliert alles.
Und nein – das hat nichts mit fehlender Willenskraft oder mangelnder Disziplin zu tun. Körper und Psyche können irgendwann schlicht nicht mehr, weil sie dauerhaft unter Druck stehen.
Viele Frauen essen dann nicht aus Hunger, sondern weil Essen kurzfristig beruhigt, tröstet oder Gefühle betäubt. Das Problem ist nur: Direkt danach folgen oft Schuldgefühle, Scham und Selbstvorwürfe. Und nach einer kurzen „Erholungsphase“ beginnt die nächste Diät.
Wenn ich heute offen über dieses Thema spreche, dann deshalb, weil ich selbst genau an diesem Punkt war.
Meine schlimmste Phase begann 2012, nachdem mich mein damaliger Freund plötzlich verlassen hatte. Innerhalb von nur zwei Monaten nahm ich 22 Kilogramm zu und wog irgendwann über 110 Kilo.
Nicht nur meine Beine taten weh – mein ganzer Körper schmerzte. Durch die schnelle Gewichtszunahme riss meine Haut an vielen Stellen. Oberarme, Brust, Bauch, Hüften, Oberschenkel und sogar meine Waden bekamen Dehnungsstreifen.
Wenn ich ehrlich bin, begann meine Geschichte mit Diäten und Selbsthass allerdings schon viel früher – eigentlich bereits in der Pubertät. Gewichtsschwankungen von 20 oder 30 Kilogramm waren irgendwann völlig normal für mich. Ich war entweder relativ schlank oder massiv übergewichtig. Und egal, wie viel ich abnahm: Meine Beine blieben immer deutlich kräftiger als der Rest meines Körpers.
Damals wusste ich noch nicht, was mit meinem Körper los war. Ich dachte einfach nur, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Irgendwann wurde Essen für mich mehr als nur Nahrung. Es wurde Trost, Betäubung und ein Weg, Gefühle kurzfristig auszuhalten. In meinen schlimmsten Phasen drehte sich mein gesamter Alltag nur noch ums Essen, Abnehmen und darum, emotional irgendwie durchzuhalten.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich eines Abends fünf Pizzen und ein Nudelgericht bestellt hatte – und zusätzlich noch einen tiefgekühlten Käsekuchen kaufte, den ich fast vollständig gegessen hatte, bevor die Lieferung überhaupt ankam.
Heute klingt das absurd. Damals war es meine Realität.
Das Verrückte daran war:
Selbst während dieser Essanfälle kreisten meine Gedanken permanent ums Abnehmen. Um mein Gewicht. Um meinen Körper. Und vor allem um die Frage, warum ich es einfach nicht schaffe, „normal“ zu sein.
Ich dachte immer:
„Du musst dich einfach nur zusammenreißen.“
Aber genau das ist der Punkt:
So einfach ist es eben nicht.
Bitte versteh mich nicht falsch: Ernährung spielt bei Lipödem aus meiner Sicht eine enorm wichtige Rolle. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen einer langfristigen Ernährungsumstellung und einem zerstörerischen Diätverhalten.
Viele Frauen mit Lipödem kämpfen ohnehin täglich mit Schmerzen, Entzündungen, Wassereinlagerungen, Erschöpfung und emotionalem Stress. Kommt dann zusätzlicher Diätdruck hinzu, entsteht häufig ein Zustand dauerhafter Überforderung.
Und genau das wird oft unterschätzt.
Denn jede Diät bedeutet zunächst einmal Kontrolle und Druck. Mahlzeiten werden bewertet, Lebensmittel in „gut“ oder „schlecht“ eingeteilt und die Angst vor einer erneuten Gewichtszunahme begleitet den Alltag permanent.
Dadurch wird Essen emotional aufgeladen.
Viele Frauen verlieren nicht nur das Vertrauen in ihren Körper, sondern auch das Vertrauen in sich selbst. Jeder Rückfall fühlt sich wie persönliches Versagen an. Viele glauben irgendwann tatsächlich, sie seien undiszipliniert oder zu schwach.
Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall.
Frauen mit Lipödem kämpfen häufig jahrelang mit enormer Disziplin. Sie starten immer wieder neu, verzichten dauerhaft auf Dinge, die sie eigentlich mögen, und zwingen sich trotz Schmerzen oder Erschöpfung weiterzumachen.
Doch Körper und Psyche lassen sich nicht unbegrenzt kontrollieren.
Deshalb beobachte ich immer wieder, dass extreme Diäten bei Lipödem emotional und körperlich häufig alles noch verschlimmern.
Ein Satz ist für mich heute besonders wichtig geworden:
Viele Frauen mit Lipödem führen irgendwann keinen Kampf mehr gegen Lebensmittel, sondern gegen sich selbst.
Mit jeder gescheiterten Diät wachsen oft auch die Selbstzweifel. Viele fühlen sich falsch, schuldig oder undiszipliniert. Manche schämen sich sogar für ihren Körper oder dafür, wie sehr sie mit dem Thema Essen kämpfen.
Und genau diese Gedanken richten langfristig enormen Schaden an.
Denn wie soll ein gesunder Umgang mit dem eigenen Körper entstehen, wenn man sich selbst permanent ablehnt, kritisiert oder bestrafen möchte?
Ich glaube deshalb heute, dass langfristige Veränderung nicht durch noch mehr Druck entsteht, sondern durch Verständnis. Durch Ehrlichkeit. Und vor allem dadurch, dass wir anfangen, wieder MIT unserem Körper zu arbeiten statt dauerhaft gegen ihn.
Die meisten Frauen, die zu mir kommen, haben bereits unglaublich viel Wissen über Ernährung. Sie wissen oft genau, welche Lebensmittel gesund sind, welche Entzündungen fördern können und was sie theoretisch tun müssten.
Das Problem ist selten fehlendes Wissen.
Das Problem ist häufig tiefe Erschöpfung.
Erschöpfung vom Kämpfen.
Vom Neustarten.
Vom erneuten Scheitern.
Von ständigen Selbstvorwürfen.
Und irgendwann verlieren viele dadurch komplett das Vertrauen in sich selbst und ihren Körper.
Deshalb glaube ich inzwischen, dass viele Frauen mit Lipödem keine weitere Diät brauchen. Sie brauchen einen Weg, der wirklich zu ihrem Leben passt – ohne extremes Schwarz-Weiß-Denken und ohne dieses ständige „entweder perfekt oder komplett versagt“.
Es geht nicht darum, nie wieder Schokolade zu essen oder sich alles zu verbieten. Viel wichtiger ist die Frage, wie eine Ernährung aussehen kann, die den eigenen Körper unterstützt und gleichzeitig langfristig alltagstauglich bleibt.
Genauso wichtig ist Bewegung, die stärkt statt zusätzlich zu bestrafen oder zu überfordern. Und auch die Psyche spielt eine enorme Rolle. Emotionales Essen entsteht oft nicht aus Hunger, sondern aus Stress, Überforderung oder emotionalem Schmerz.
Solange diese Themen nicht angeschaut werden, fallen viele immer wieder in alte Muster zurück.
Wenn du diesen Kreislauf aus Diäten, Schuldgefühlen und Selbsthass kennst, dann möchte ich dir heute eines sagen:
Du bist nicht schwach.
Du bist nicht undiszipliniert.
Und du bist nicht gescheitert.
Vielleicht hast du bisher einfach versucht, ein Problem mit Methoden zu lösen, die dich langfristig noch mehr belastet haben.
Ich hätte früher niemals gedacht, dass ich irgendwann offen über all diese Dinge sprechen würde – oder dass ich einmal anderen Frauen dabei helfen darf, ihren eigenen Weg zu finden.
Und trotzdem sitze ich heute hier.
Noch immer nicht perfekt. Aber deutlich ehrlicher zu mir selbst. Und mit der Erfahrung, dass Veränderung auch mit Lipödem möglich ist.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft, die ich dir heute mitgeben möchte:
Du musst nicht perfekt sein, um anfangen zu dürfen, besser für dich zu sorgen.
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