Stand: August 2026
In sozialen Medien und Selbsthilfegruppen wird derzeit teilweise behauptet, die Földi Klinik wolle das Lipödem künftig als eine andere Krankheit einstufen. Manche Betroffene befürchten sogar, das Lipödem solle als Adipositas oder psychische Erkrankung behandelt werden. Die öffentlich zugänglichen Stellungnahmen der Klinik und die aktuellen medizinischen Regelungen ergeben jedoch ein deutlich differenzierteres Bild.
Tatsächlich vertritt die Földi Klinik ein verändertes Verständnis des Lipödems und verwendet dafür zunehmend den Begriff „Lipalgie-Syndrom“. Eine offizielle Abschaffung der Diagnose Lipödem oder ihre Umwandlung in eine psychische Erkrankung ist damit jedoch nicht verbunden.
Der Begriff Lipödem setzt sich aus „Lip“, also Fett, und „Ödem“, einer Flüssigkeitsansammlung im Gewebe, zusammen. Nach älteren Vorstellungen galt das Lipödem deshalb als Erkrankung, bei der neben einer auffälligen Fettverteilung auch eine Störung des Flüssigkeits- oder Lymphabflusses eine wesentliche Rolle spielt.
Die Földi Klinik vertritt inzwischen die Auffassung, dass dies beim reinen Lipödem nicht zutrifft. Auf ihrer Internetseite bezeichnet sie das Krankheitsbild als „Lipalgie-Syndrom“. Gemeint ist damit eine Kombination aus einer disproportionalen Fettgewebsverteilung an Beinen und gegebenenfalls Armen sowie Schmerzen oder anderen Beschwerden in diesem Fettgewebe.
„Lipalgie“ bedeutet vereinfacht „Schmerz im Fettgewebe“. Die neue Bezeichnung soll verdeutlichen, dass nach Ansicht der Klinik nicht die Flüssigkeitseinlagerung, sondern vor allem die Schmerzsymptomatik im Vordergrund steht. Die Földi Klinik erklärt ausdrücklich, dass das reine Lipalgie-Syndrom keine Ödemerkrankung und keine Funktionsstörung des Lymphsystems sei. Darstellung der Földi Klinik
Das ist zunächst eine Änderung des Krankheitsmodells und der verwendeten Sprache – keine amtliche Umbenennung.
Wesentliche Teile dieses veränderten Verständnisses finden sich auch in der deutschen S2k-Leitlinie zum Lipödem aus dem Jahr 2024. Sie beschreibt das Lipödem als schmerzhafte, disproportionale und symmetrische Fettgewebsverteilungsstörung der Extremitäten, die fast ausschließlich bei Frauen vorkommt.
Nach der Leitlinie gehören insbesondere Druck- und Berührungsschmerzen, Spontanschmerzen sowie ein Schweregefühl zum Krankheitsbild. Eine disproportionierte Fettverteilung ohne entsprechende Beschwerden soll dagegen nicht als Lipödem, sondern als Lipohypertrophie bezeichnet werden.
Die Leitlinie stellt außerdem fest, dass das Lipödem in erster Linie weder eine Ödemerkrankung noch eine venöse oder lymphatische Funktionsstörung ist. Ein zusätzliches Lymphödem oder eine andere Form der Flüssigkeitseinlagerung kann trotzdem vorkommen, muss dann aber als eigenständige Begleiterkrankung diagnostiziert werden.
Auch die frühere Annahme, jedes Lipödem werde zwangsläufig immer schlimmer, wird relativiert. Nach der Leitlinie soll es nicht grundsätzlich als fortschreitende Erkrankung betrachtet werden. Der Verlauf hängt unter anderem von individuellen Faktoren und möglichen Gewichtszunahmen ab. Die sichtbaren Stadien beschreiben zudem hauptsächlich die Form und Struktur des Gewebes. Sie sagen nicht zuverlässig aus, wie stark die Schmerzen oder Einschränkungen einer Patientin sind. S2k-Leitlinie Lipödem 2024
Die Leitlinie trägt jedoch weiterhin ausdrücklich den Namen „Lipödem“. Der Begriff „Lipalgie-Syndrom“ wurde somit nicht als neue offizielle Diagnose übernommen.
Nein. Die Földi Klinik bezeichnet Lipödem, Adipositas und Lymphödem ausdrücklich als unterschiedliche Erkrankungen. Sie können allerdings gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig beeinflussen.
Auch die aktuelle Leitlinie stellt klar, dass ein Lipödem weder durch Adipositas verursacht wird noch seinerseits automatisch Adipositas verursacht. Eine zusätzliche Adipositas kann das Beschwerdebild jedoch verschlechtern. Bei starker Adipositas kann außerdem ein eigenständiges, Adipositas-assoziiertes Lymphödem entstehen.
Die Klinik weist darauf hin, dass bei vielen Patientinnen mit einer früher gestellten Lipödemdiagnose zusätzlich oder vorrangig Übergewicht beziehungsweise Adipositas vorliegt. Daraus leitet sie die Forderung ab, beide Krankheitsbilder sorgfältig voneinander abzugrenzen und gegebenenfalls parallel zu behandeln. Bereits in einer Stellungnahme von 2019 schrieb die Klinik, dass Lipödem, Adipositas und Lymphödem drei grundsätzlich unabhängige Erkrankungen seien. Stellungnahme der Földi Klinik von 2019
Die Aussage, die Földi Klinik wolle das Lipödem einfach in Adipositas umbenennen, ist daher nicht richtig.
Auch dafür gibt es keinen Beleg. Die Földi Klinik betrachtet psychische und psychosoziale Faktoren allerdings als wichtigen Bestandteil einer umfassenden Behandlung. Dazu gehören beispielsweise Depressionen, Essstörungen, traumatische Belastungen, Probleme mit der Körperakzeptanz oder eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit.
Solche Faktoren können beeinflussen, wie Schmerzen erlebt und verarbeitet werden. Das bedeutet aber nicht, dass die Schmerzen eingebildet sind oder das Lipödem zu einer psychischen Erkrankung erklärt wird. Vielmehr sollen körperliche und psychische Belastungen jeweils erkannt und behandelt werden.
Auch die S2k-Leitlinie empfiehlt, psychische Belastungen bei Diagnostik und Therapie zu berücksichtigen. Daraus lässt sich jedoch keine rein psychische Ursache des Lipödems ableiten. Die genauen Entstehungsmechanismen des Krankheitsbildes sind weiterhin nicht vollständig geklärt.
Die größte praktische Veränderung betrifft die manuelle Lymphdrainage. Da bei einem reinen Lipödem nach dem heutigen Verständnis keine relevante Flüssigkeitsansammlung vorliegen muss, führt die Földi Klinik bei einem reinen Lipalgie-Syndrom keine manuelle Lymphdrainage mehr durch. Besteht zusätzlich ein diagnostiziertes Lymphödem oder ein Ödem anderer Ursache, kann eine entstauende Behandlung dagegen weiterhin notwendig sein.
Kompression bleibt auch beim Lipödem ein wichtiger Bestandteil der konservativen Behandlung. Ihr Ziel ist dabei vor allem, Schmerzen und andere Beschwerden zu reduzieren – nicht, Fettgewebe „wegzudrücken“. Hinzu kommen Bewegung und Physiotherapie, Gewichtsmanagement bei zusätzlichem Übergewicht, Selbstmanagement, psychosoziale Unterstützung und gegebenenfalls eine Liposuktion.
Die Földi Klinik empfiehlt die Liposuktion nach eigener Darstellung nur in entsprechend ausgewählten Fällen. Die S2k-Leitlinie hält sie grundsätzlich für eine mögliche operative Behandlung, weist aber zugleich darauf hin, dass sie das Lipödem nicht heilt. Sie kann jedoch Schmerzen lindern und die Lebensqualität verbessern.
Ja. In der für Deutschland geltenden ICD-10-GM 2026 ist das Lipödem weiterhin mit eigenen Diagnosecodes aufgeführt:
Die Diagnose befindet sich im Abschnitt E88.2 „Lipomatose, anderenorts nicht klassifiziert“. Ein gleichzeitig bestehendes Lymphödem muss gesondert codiert werden. ICD-10-GM 2026 des BfArM
Eine einzelne Klinik kann diese amtliche Klassifikation nicht selbst ändern. Aus den öffentlich zugänglichen Erklärungen der Földi Klinik ergibt sich auch keine angekündigte formelle Umstufung des Lipödems in Adipositas oder eine psychische Erkrankung.
Seit dem 1. Juli 2026 kann eine Liposuktion bei Lipödem unter festgelegten Voraussetzungen zudem unabhängig vom bisherigen Stadium über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet werden. Zu den Voraussetzungen gehören unter anderem typische Diagnosemerkmale und eine zuvor durchgeführte konservative Behandlung. Informationen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Die Behauptung, die Földi Klinik wolle das Lipödem einfach als eine andere Krankheit einstufen, greift zu kurz. Richtig ist: Die Klinik verwendet den Begriff „Lipalgie-Syndrom“ und betrachtet das reine Lipödem nicht mehr vorrangig als Flüssigkeits- oder Lymphabflussstörung. Im Mittelpunkt stehen für sie die schmerzhafte Fettgewebsverteilung und mögliche Begleiterkrankungen.
Das Lipödem wird dadurch weder pauschal zur Adipositas noch zur psychischen Erkrankung erklärt. Es bleibt eine offiziell anerkannte körperliche Erkrankung mit eigenen Diagnosecodes und geregelten Behandlungsmöglichkeiten.
Einzelne Bestandteile des neuen Krankheitsmodells werden fachlich weiterhin diskutiert. Gerade weil die wissenschaftliche Datenlage in einigen Bereichen begrenzt ist, sollten Diagnostik und Behandlung individuell erfolgen und unterschiedliche mögliche Ursachen für Schmerzen, Umfangsvermehrung oder Schwellungen sorgfältig abgeklärt werden.
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