
Ein Gastbeitrag von Tina Schwarz, zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach.
Vier Operationen. Und ich ziehe trotzdem fast jeden Morgen meine Kompression an.
Wenn du nach Erfahrungen mit der Lipödem-OP suchst, findest du meistens zwei Sorten von Geschichten. Die einen sagen, es war das Beste, was sie je gemacht haben. Die anderen warnen davor oder bereuen es sogar. Meine Geschichte ist keine von beiden.
Ich erzähle dir hier meinen ganzen Weg mit Lipödem: von 110 Kilo über die Diagnose bis zu meinen Operationen. Und ich sage dir ehrlich, was ich heute anders machen würde.
Angefangen hat es bei mir schon in der Pubertät. Meine Beine sahen anders aus als die der anderen Mädchen, sie waren dellig und schwer, sie haben wehgetan und blaue Flecken waren vollkommen normal. Ich kannte meine Beine gar nicht anders und habe sie entsprechend auch nie gezeigt. Ich habe mich für meinen Körper geschämt, lange bevor ich wusste, dass es dafür einen Namen gibt.
Ich dachte, das gehört alles so. Dass die Schmerzen nicht normal sind und dass meine Versuche abzunehmen immer wieder ins Leere liefen, wollte ich lange nicht wahrhaben. Stattdessen habe ich geglaubt: Ich bin nicht normal. Ich bin zu fett, zu schwach, und niemand sieht mich.
Also habe ich versucht, es allen recht zu machen. Dazu kamen viele Diäten und irgendwann eine Essstörung mit heftigen Essattacken. Davon habe ich im Beitrag der letzten Woche erzählt.
2012 habe ich 110 Kilo gewogen, bei Hosengröße 48/50. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen. Für jede Feier hatte ich eine Ausrede, das Schwimmbad war undenkbar.
Eine Sache hatte ich noch: mein Pferd Apollo. Er ist heute 32 Jahre alt und bei mir, seit er sieben ist. Und wann immer ich mit ihm im Gelände unterwegs war, war für diesen Moment alles andere völlig egal. Jeder Ausritt war wie ein kleiner Urlaub.
Dann habe ich ein Foto von mir auf ihm gesehen. Zum ersten Mal habe ich wirklich wahrgenommen, wie viel ich wog, wie ich überhaupt aussah. Ich wollte ihm dieses Gewicht nicht mehr antun und habe aufgehört zu reiten.
Damit hatte ich mir das Einzige genommen, was mir gutgetan hat. Das war der Moment, in dem ich wusste: Jetzt muss sich etwas ändern. Ich wusste nur nicht, wie. Also habe ich die nächste Diät angefangen. Das Gewicht ging kurz runter und kam wieder zurück.
Die Diagnose kam im Januar 2015, eher durch Zufall. Eine Freundin aus dem Stall hatte mich auf meine Beine angesprochen und mir angeboten, mit zu ihrem Arzt zu kommen. Ich habe dort angerufen und für denselben Tag einen Termin bekommen. Beim Phlebologen hörte ich zum ersten Mal: Lip- und Lymphödem, Stadium 2. Ich wog damals immer noch fast 100 Kilo.
Es kam plötzlich alles auf einmal. Erst war es ein Schock, und gleichzeitig Erleichterung, weil es tatsächlich endlich einen Namen für all die Dinge bis dato gab.
Mitbekommen habe ich ein Rezept zur Lymphdrainage und ein Rezept für meine erste medizinische flachgestrickte Kompression. Was mir gefehlt hat, war jemand, der mir Mut macht. Stattdessen hieß es sinngemäß, da könne man nichts machen, ich müsse meine Beine akzeptieren. Mehr als fünf Kilo würde ich nicht abnehmen können.
Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich wollte es allen beweisen, und vor allem mir selbst.
Es gab nicht die eine Sache, die mir geholfen hat und es ging alles andere als schnell.
Ich habe meine Ernährung umgestellt und mich viel bewegt, am Anfang ehrlich gesagt zu viel. Der wichtigste Schritt war aber ein anderer: Ich habe meine Essstörung angegangen. Ich wusste, dass ich das allein nicht schaffe, und habe mir Hilfe geholt. Ich war jahrelang in Therapie und auch stationär in psychosomatischen Kliniken.
Und es gab Menschen, die in dieser Zeit für mich da waren: mein Ziehvater Heiner und seine Frau. Heiner hat zugehört und mir das Gefühl gegeben, dass ich es schaffe. Bei ihm habe ich mich zum ersten Mal wirklich gesehen und ernstgenommen gefühlt.
Der erste Erfolg stand übrigens nicht auf der Waage. Viel leichter wurde es für mich, als meine Essattacken weniger wurden. Ich wurde stabiler, bekam mehr Kraft und Selbstbewusstsein. Über viele Jahre, mit vielen Aufs und Abs, sind es am Ende 35 Kilo geworden. Nicht nur fünf, wie mir der nette Phlebologe damals weismachen wollte.
Ende 2015 bin ich zu meinem Mann in den Schwarzwald gezogen. Ende 2017 kam der erste große Rückschlag: Meine drei Katzen bekamen eine Pilzerkrankung, und die Behandlung hat über Wochen fast meine ganze Zeit gebraucht. Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit, mich hat diese Zeit komplett aus der Bahn geworfen. Ich bin wieder in die Essattacken gerutscht, habe zugenommen und war noch einmal einige Wochen in einer Klinik.
Dort habe ich beschlossen, andere Frauen auf diesem Weg zu begleiten. Ich wollte, dass sie jemanden an ihrer Seite haben. Das, was mir so lange gefehlt hat. Seit Februar 2018 mache ich genau das.
Warum eine OP, wenn ich doch schon 35 Kilo abgenommen hatte?
Bei den Armen war es die Haut. Nach der Abnahme zog sie bei jeder Bewegung am Gewebe, vor allem Beim Sport tat das unheimlich weh. Bei den Beinen war es anders: Nach der Armstraffung hatte ich ohne Gewichtsveränderung plötzlich fünf Zentimeter mehr Umfang an den Oberschenkeln, mein Lipödem verschlechterte sich in Richtung Stadium 3. Ich habe seit meiner Kindheit Diabetes Typ 1 und merkte, dass mein Insulin an den Beinen nicht mehr zuverlässig wirkte. Dazu kam die Sorge um mein Knie, was durch mein Übergewicht lange Zeit ohnehin zusätzlich belastet war.
Zwischen Januar 2023 und April 2024 hatte ich vier Operationen: die Arme mit Straffung, die Rückseite der Beine, die Vorderseite und zuletzt eine Korrektur. Ich habe sie alles selbst bezahlt.
Erhofft hatte ich mir weniger Beschwerden, mehr Leichtigkeit und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass die Optik mir egal gewesen wäre. Mir war klar, dass eine Liposuktion keine Heilung ist. Insgeheim habe ich trotzdem gedacht: Danach wird alles gut.
Meine Arme sind in Ordnung. Sie sind nicht gleichmäßig und die Narben nicht überall schön, aber ich kann damit leben.
Bei den Beinen bin ich enttäuscht. Sie sind sehr ungleichmäßig geworden, an manchen Stellen wurde zu viel abgesaugt, an anderen zu wenig. Meine Schmerzen sind weniger geworden, weg sind sie nicht. Ganz schmerzfrei bin ich nur, wenn ich meine Kompression trage. So war es vor den Operationen auch. Wasser lagere ich eher mehr ein als früher.
Es gab auch Dinge, auf die ich nicht vorbereitet war: lange anhaltende Zuckungen und Stiche in den Beinen und ein Knie, das sich lange kaum anwinkeln ließ.
Am schwersten war etwas anderes. Ich bin mental in ein tiefes Loch gefallen. Ich hatte so viel Hoffnung in diese Operationen gesteckt, und als das Ergebnis nicht so war wie gewünscht, habe ich wieder aus Frust gegessen. Meine Essstörung kam zurück. Ein paar Kilo sind wieder dazugekommen, fünf, sechs fehlen mir noch zu dem Gewicht, bei dem ich mich lange vor den Operationen wohlgefühlt habe.
Mir ist wichtig, dass du das richtig einordnest: Das ist meine persönliche Erfahrung. Ich kenne viele Frauen, für die die Operation ein wichtiger Schritt war/ist und die sehr froh darüber sind. Ich rate dir weder zu noch ab. Die Entscheidung gehört dir, zusammen mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Dort erfährst du auch, unter welchen Voraussetzungen die Krankenkasse die Kosten inzwischen übernehmen kann.
Was ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Eine OP nimmt Gewebe weg und im besten Fall werden so gut wie alle kranken Fettzellen entfernt. Wie du isst, wie du mit Enttäuschungen umgehst und wie du mit dir sprichst, bleibt bei dir. Vor der OP, danach und auch ohne den Wusch der Liposuktion.
Abnehmen, meine Ernährung umstellen, mich bewegen. Mit dem Krafttraining würde ich sogar früher anfangen. Mir psychologische Hilfe holen, das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Und die Lymphdrainage und die Kompression. Sie hat mir sehr geholfen und tut es bis heute.
An einem guten Tag ziehe ich morgens meine Kompression an, frühstücke etwas, das lange satt macht, arbeite und bewege mich, am liebsten auf dem Trampolin zusammen mit meinen Coaching-Teilnehmerinnen. Es gibt auch noch die anderen Tage, mit Schmerzen, Frust und manchmal einem Essanfall. Sie sind viel seltener geworden, und ich merke früher, wenn es kippt und kann entsprechend reagieren.
Mein Mann Oli ist seit über zwölf Jahren an meiner Seite. Apollo ist immer noch da. Aber fertig bin ich nicht. Fertig gibt es bei einer chronischen Erkrankung nicht. Woran ich bis heute arbeite, ist, mich selbst anzunehmen.
Wenn ich dem Mädchen von damals einen Satz sagen dürfte, dann diesen: Hör auf, es allen recht zu machen. Das schaffst du sowieso nicht, und du gehst dabei kaputt.
Und wenn du gerade erst deine Diagnose bekommen hast: Du bist nicht schuld an deinem Lipödem, und du bist nicht machtlos. Wir können so viel für uns tun.
Erkennst du dich irgendwo wieder? Dann kommentiere gerne unter meinen YouTube Video:
Wenn dich das Thema OP gerade beschäftigt, davor oder danach: Am 28. Oktober gebe ich dazu ein kostenloses Webinar, „Vor oder nach der OP: was du selbst in der Hand hast“. Hier kannst du dich anmelden: https://webinar.schwarztina.de/
Tina Schwarz (zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach)
Dieser Beitrag ist ein persönlicher Erfahrungsbericht. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Jeder Verlauf ist anders, auch nach einer Operation. Wenn dich das Thema Essen sehr belastet, sprich bitte mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder einer psychotherapeutischen Praxis darüber.
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