Lipödem abnehmen: Warum „Iss einfach weniger“ so oft nicht die Lösung ist

Tina Schwarz zum Thema Lipödem und Abnehmen: Iss einfach weniger
Bild: Tina Schwarz · Lipödem-Talk

Ein Gastbeitrag von Tina Schwarz, zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach.

„Iss doch einfach weniger.“

Wenn du Lipödem hast und abnehmen möchtest, kennst du diesen Satz wahrscheinlich nur zu gut. Von deiner Ärztin oder deinem Arzt, aus der Familie, vielleicht auch von dir selbst, abends vor dem Spiegel.

Und du hast es ja gemacht. Du hast Kalorien gezählt, Mahlzeiten ausgelassen und dich zusammengerissen. Trotzdem sind deine Beine geblieben, wie sie sind.

In diesem Beitrag zeige ich dir drei Gründe, warum dieser Rat beim Abnehmen mit Lipödem so oft nicht funktioniert. Und ich zeige dir, worauf du stattdessen schauen kannst. Ich habe dafür auch ordentlich recherchiert, was die Forschung und die deutsche Leitlinie zum Lipödem dazu sagen. Die Quellen findest du am Ende.

Ich habe diesen Rat selbst jahrelang befolgt

Zu meinen schwersten Zeiten habe ich 110 Kilo gewogen, mit Lipödem im Stadium 2 bis 3. Seit ich elf Jahre alt bin, habe ich außerdem Diabetes Typ 1. Bei fast jedem Arzttermin habe ich denselben Tipp bekommen: weniger essen, mehr bewegen.

Also habe ich eine Diät nach der anderen gemacht. Irgendwann wusste ich nicht mehr, was ich essen soll, wann ich essen soll und ob ich überhaupt noch essen darf. Ich bin in eine Essstörung gerutscht, mit heftigen Essattacken.

Und ich habe damals wirklich geglaubt, ich selbst bin das Problem.

Heute weiß ich: Dieser harmlos klingende Ratschlag war zu einfach für mich und meinen Körper. Und warum das so ist, lässt sich erklären.

Grund 1: Dein Körper verteilt Fett anders

Lipödem ist eine chronische Erkrankung des Fettgewebes. An Beinen, Hüften und oft auch an den Armen ist das Gewebe verändert. Es tritt fast nur bei Frauen auf und beginnt oder verstärkt sich oft dann, wenn sich die Hormone umstellen: u.a. in der Pubertät, rund um eine Schwangerschaft oder in den Wechseljahren.

Lange hieß es, Lipödem-Fett lasse sich durch eine Diät gar nicht beeinflussen. Ganz so einfach ist es nach heutigem Stand nicht, und ich möchte dir hier nichts Falsches erzählen.

Neuere Untersuchungen zeigen: Wenn Frauen mit Lipödem und zusätzlichem Übergewicht abnehmen, kann auch an den Beinen etwas Fett zurückgehen. Das steht so auch in der deutschen Leitlinie.

Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Die Verteilung bleibt. In einer Studie aus dem Jahr 2025 nahmen Frauen mit Lipödem an Bauch und Beinen im Verhältnis ähnlich viel ab. Wer vorher deutlich kräftigere Beine hatte, hat sie danach also immer noch. Die Entzündungszeichen im Gewebe haben sich durch das Abnehmen allein nicht verändert.

Dazu kommt etwas, das viele überrascht. Laut Leitlinie hängen die Schmerzen nicht davon ab, wie viel Fettgewebe da ist.

Was heißt das für dich?

Du kannst eine Diät durchziehen und Gewicht verlieren. Im Gesicht und am Oberkörper siehst du es vielleicht ziemlich schnell. An den Beinen fällt dir die Veränderung vielleicht weniger auf, und Schmerzen können weiterhin bestehen. Viele Frauen erzählen mir: „Tina, ich habe zehn Kilo abgenommen, und im Spiegel sehe ich den Unterschied zwischen oben und unten jetzt noch deutlicher.“

Du hast alles richtig gemacht und fühlst dich schlechter als vorher.

Das liegt nicht an deiner Disziplin. Abnehmen lässt ein Lipödem nicht verschwinden.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Abnehmen ist mit Lipödem möglich. Ich selbst habe 35 Kilo abgenommen, und viele meiner Coaching-Teilnehmerinnen haben ebenfalls Gewicht verloren. Die Leitlinie betont sogar, dass zusätzliches Übergewicht das Lipödem verschlechtern kann. Es geht also nicht darum, ob. Es geht darum, wie.

Grund 2: Strenger Verzicht endet oft im Heißhunger

Kennst du das?

Am Montag nimmst du dir vor: Diese Woche esse ich ganz wenig. Kein Brot, nichts Süßes, abends nur Salat. Montag klappt, Dienstag klappt. Am Mittwoch bist du müde und gereizt und denkst den ganzen Tag nur ans Essen. Am Donnerstagabend stehst du in der Küche und isst alles, was du dir drei Tage lang verboten hast.

Danach kommt die Scham. Und am nächsten Montag fängst du wieder an, noch strenger.

Ich habe jahrelang in dieser Spirale gesteckt. Und ich sehe dieses Verhalten in meiner Zusammenarbeit mit Lipödembetroffenen immer wieder: Je strenger sich eine Frau einschränkt, desto heftiger wird oft der Heißhunger.

Das ist kein Charakterfehler und keine Schwäche. Der Körper wehrt sich gegen starken Verzicht. In einer bekannten Studie waren bei Menschen nach einer sehr strengen Diät die Hunger- und Sättigungshormone noch ein Jahr später verändert, und sie hatten mehr Hunger als vorher. Eine andere Untersuchung hat junge Frauen über fünf Jahre begleitet. Diejenigen, die zum Abnehmen ganze Tage nichts aßen, entwickelten später häufiger Essanfälle.

Diese Studien wurden nicht speziell mit Lipödem-Patientinnen gemacht. Aber die deutsche Leitlinie zum Lipödem beschreibt genau dasselbe Muster: viele frustrierende Diätversuche und auffallend häufig ein gestörtes Essverhalten. Sie empfiehlt deshalb ausdrücklich, kurzfristige Diäten zu vermeiden und die Ernährung stattdessen dauerhaft und passend zum eigenen Leben umzustellen.

Du hast also nicht versagt. Das, was du dir vorgenommen hattest, war auf Dauer nicht durchzuhalten.

Grund 3: Viele essen nicht zu viel, sondern zu wenig

Dieser Punkt stammt nicht aus einer Studie. Er stammt aus über acht Jahren Begleitung, und er überrascht die meisten.

Wenn eine Lipödembetroffene neu zu mir kommt, schauen wir uns zuerst ehrlich an, was sie isst. Und sehr oft sehe ich: Sie isst nicht zu viel. Sie isst zu wenig und unregelmäßig.

Morgens nur einen Kaffee. Mittags irgendetwas nebenbei. Abends die erste richtige Mahlzeit, und die fällt größer aus, weil der Hunger riesig ist. Manchmal finden die Frauen dann keinen Halt mehr und essen über den viel zu großen Hunger hinaus oder fallen ins emotionale Essen.

Eine Kundin hat mir einmal geschrieben, ich sei die Erste gewesen, die zu ihr gesagt hat: „Du musst mehr essen.“ Eine andere meinte, sie habe wahrscheinlich ihr halbes Leben zu wenig gegessen, aus Angst, noch mehr zuzunehmen.

Wer jahrelang gelernt hat, dass Essen der Feind ist, hat irgendwann Angst vor ganz normalen Portionen. Der Rat „Iss einfach weniger“ trifft dann ausgerechnet die Frauen, die schon viel zu lange zu wenig essen.

Heißt das, Kalorien sind egal?

Nein. Für das normale Körperfett, das die meisten von uns zusätzlich haben, spielt es natürlich eine Rolle, wie viel du isst.

Aber es ist ein großer Unterschied, ob du hungerst oder ob du deine Ernährung in Ruhe und vor allem realistisch umstellst. Beim Hungern hältst du ein paar Wochen durch. Bei einer Umstellung, die zu deinem Leben passt, bleibst du dran.

Es geht nicht um weniger. Es geht um anders.

Was stattdessen helfen kann

Drei Blickwinkel, keine starren Regeln.

1. Schau auf Entzündung, nicht nur auf Kalorien

Entzündliche Prozesse werden als mögliche Mitursache der Beschwerden beim Lipödem untersucht. Laut Leitlinie kann deshalb eine mediterrane Ernährung empfohlen werden: viel Gemüse, gute Fette wie Olivenöl, Fisch, Hülsenfrüchte, Nüsse und wenig stark Verarbeitetes.

Auf dem Teller kann das so aussehen: ungefähr die Hälfte Gemüse oder Salat, dazu eine Eiweißquelle wie Fisch, Eier, Hülsenfrüchte oder Quark, etwas gutes Fett und eine Beilage, die dich satt macht.

Wichtig ist mir Ehrlichkeit: Die Studien dazu sind noch klein, und jeder Körper reagiert anders. In einer norwegischen Studie mit 70 Frauen mit Lipödem und Adipositas verringerte eine kohlenhydratreduzierte Ernährung über acht Wochen die Schmerzen stärker als die Vergleichskost. Die Schmerzlinderung war nicht mit dem Ausmaß der Gewichtsabnahme verknüpft. Untersucht wurde hier keine mediterrane Ernährung. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jede Ernährungsform übertragen.

2. Iss regelmäßig und genug

Zum Beispiel drei Mahlzeiten, bei denen du wirklich satt wirst, mit Eiweiß, Gemüse und etwas, das dir schmeckt. Die Leitlinie weist darauf hin, dass ausreichend Eiweiß wichtig ist, damit du beim Abnehmen Fett verlierst und nicht Muskulatur.

Viele meiner Coaching-Teilnehmerinnen berichten, dass allein dadurch der Heißhunger (am Abend) deutlich nachlässt.

3. Sei auf deiner eigenen Seite

Ich habe einmal eine Kundin gefragt, ob sie ihre Gäste auch so spärlich bewirten würde wie sich selbst. Natürlich nicht, hat sie gesagt. „Dann sei dein eigener Gast“, habe ich geantwortet. Der Satz begleitet sie bis heute.

Das hat nichts mit Kalorien zu tun. Aber es verändert, wie du isst.

Übrigens sieht das auch die Leitlinie so: Im Mittelpunkt soll nicht ein ideales Körpergewicht stehen, sondern weniger Beschwerden, körperliches Wohlbefinden und Fitness.

Dein Schritt für diese Woche

Schreib drei Tage lang auf, wann du isst und was du isst. Keine Kalorien, keine Bewertung, kein „gut“ und kein „schlecht“.

Nach drei Tagen schaust du dir zwei Dinge an:

  • Wie viele richtige Mahlzeiten waren es pro Tag?
  • Wie lang war die längste Pause zwischen zwei Mahlzeiten?

Viele Frauen sind überrascht, was sie da sehen. Es geht nicht um Perfektion. Es ist nur ein ehrlicher Blick.

Kurz zusammengefasst

  • Abnehmen lässt ein Lipödem nicht verschwinden. Die Verteilung bleibt, und die Schmerzen hängen nicht an der Zahl auf der Waage.
  • Strenger Verzicht führt bei vielen in eine Spirale aus Heißhunger und Scham. Die Leitlinie rät von kurzfristigen Diäten ab und das tue ich auch seit vielen Jahren!
  • Viele Frauen mit Lipödem essen nach meiner Erfahrung nicht zu viel, sondern seit Jahren zu wenig und zu unregelmäßig.
  • Was helfen kann: entzündungshemmend essen, regelmäßig und genug essen, freundlicher mit dir umgehen.

Du bist keine Versagerin. Du hast nur sehr lange einen Rat befolgt, der für deinen Körper und deine Situation zu einfach war.

Welchen Satz hast du am häufigsten gehört? Schreib ihn mir gern unter das Video.

Zur YouTube-Folge: Lipödem & Abnehmen – Iss einfach weniger

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Deine Tina (zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach)

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn du merkst, dass Essen für dich sehr belastend ist oder du Essanfälle hast, sprich bitte mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder einer psychotherapeutischen Praxis darüber.

Quellen

Weiterlesen im LymphNetzwerk: Lipödem und Sport: Welche Bewegung ist wirklich geeignet? · Grenzen setzen bei Lipödem


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