Emotionales Essen bei Lipödem: Warum Wissen allein nichts verändert

Emotionales Essen bei Lipödem: Kein Hunger. Ich esse trotzdem. – Tina Schwarz
Bild: Tina Schwarz · Lipödem-Talk

Ein Gastbeitrag von Tina Schwarz, zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach.

Ich bin Ernährungsberaterin. Ich weiß, was meinem Körper guttut, und ich bringe es seit über acht Jahren anderen Frauen bei. Und trotzdem esse ich manchmal, obwohl ich gar keinen Hunger habe.

In diesem Beitrag erzähle ich dir, was ich unter emotionalem Essen verstehe, woran ich es heute bei mir merke und was mir geholfen hat.

Was ich mit emotionalem Essen meine

Wenn du ab und zu aus Frust isst, dann ist das emotionale Essen. Wir essen dann meist aufgrund einer bestimmten Emotion: Frust, Angst, Trauer, Stress oder Langeweile. Das Essen soll etwas "leiser" machen, das gerade unangenehm ist.

Das kennen sehr viele Menschen. Es ist nichts, wofür du dich schämen musst.

Eine Essstörung wie Binge-Eating ist etwas anderes. Ich litt selbst jahrelang darunter. Für mich war es bei jedem Essanfall, als wäre ich gefangen in einem Tunnel: Alles um mich herum war egal, ich wusste, dass es mir nicht guttut, und konnte trotzdem nicht aufhören zu essen. Oft kam ich erst wieder heraus, wenn mir der Magen wehtat.

Wenn du dich darin wiedererkennst, hol dir bitte professionelle Unterstützung, zum Beispiel bei deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder in einer psychotherapeutischen Praxis. Allein ist eine Essstörung extrem schwer zu überwinden. Ich habe es damals auch nicht allein geschafft und kann dich nur ermutigen, rechtzeitig zu reagieren.

Dieser Beitrag ist vor allem für dich, wenn du manchmal ohne wirklichen Hunger isst und dich hinterher fragst, warum eigentlich?!

Warum Wissen allein nichts verändert

Viele Frauen, die zu mir kommen, wissen unglaublich viel über Ernährung. Sie haben jede Diät ausprobiert, kennen jede Kalorie und vieles mehr.

Am Wissen scheitert es selten. Es scheitert daran, dieses Wissen in einen Alltag mit Lipödem zu bringen: mit Schmerzen, mit Stress und mit Gefühlen.

Ich bin dafür das beste Beispiel. Wer so lange in einer Essstörung gesteckt hat wie ich, den holt das alte Muster manchmal schnell wieder ein. Auch nach meinen Operationen. Eine Essstörung verschwindet nicht automatisch durch eine Lipödem-Operation. Und auf Essen kann man nicht einfach verzichten wie bei einem Entzug.

Den Rat „Dann kauf halt keine Süßigkeiten“ habe ich oft gehört. Wenn der Drang groß genug ist, gehe ich trotzdem los. So ist es zumindest bei mir.

Lipödem, Scham und Essen

Viele Frauen mit Lipödem kennen Scham und das Gefühl, selbst schuld zu sein. Jahrelang hören sie „Iss einfach weniger“. Eine schwedische Befragung zeigt, dass Frauen mit Lipödem mehr krankheitsbezogene Stigmatisierung erleben als Frauen aus der Allgemeinbevölkerung. Wahrgenommene soziale Unterstützung steht dabei mit einer besseren Lebensqualität in Zusammenhang.

Scham macht das Essen nicht leichter. Sie macht es schwerer. Das habe ich selbst jahrelang erlebt.

Warum wir überhaupt aus Emotionen essen, erklärt unsere Psychologin Joan am Mittwoch, 28. Oktober 2026, im Webinar. Mehr dazu am Ende des Beitrags.

Ein Beispiel aus meinem Alltag

Vor ein paar Wochen war ich im Urlaub. Ich war entspannt, musste nicht kochen und konnte mich am Buffet bedienen, habe mich viel im Wasser bewegt, was meinen Beinen unglaublich gut getan hat. Und ich habe abgenommen, ohne auf irgendetwas zu achten oder zu verzichten.

Zwei Tage nach der Rückkehr bin ich in ein Loch gefallen. Das Wetter in Deutschland ist inzwischen kalt und trüb geworden. Es ist viel Arbeit liegen geblieben, ein Projekt kam nicht zustande, und ich habe mir selbst Druck gemacht, weil ich noch ein paar Kilo verlieren möchte. Fast eine Woche lang hatte ich das Gefühl, einfach nicht satt zu werden.

Ich habe mich müde gefühlt, unverstanden und allein gelassen. In solchen Momenten fühle ich mich wie eine Versagerin.

Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass Ehrlichkeit wichtiger ist als Perfektion. Ich bin Coach, aber keine Maschine.

Woran ich heute merke, dass es kein Hunger ist

Bei mir ist es oft nachmittags zwischen 15 und 17 Uhr. Ich werde unruhig, kann mich schlecht konzentrieren und will etwas essen. Körperlichen Hunger habe ich dann meistens gar nicht. Eigentlich bin ich nur müde und erschöpft.

Wenn es geht, verlasse ich kurz den Raum, streichle meine Katze, hole mir einen Tee und gehe zurück an den Schreibtisch. An manchen Tagen plane ich mir bewusst einen Snack für den Notfall ein. Zu wissen, dass ich ihn essen darf, nimmt mir viel Druck und es gibt mir Sicherheit, denn zu hungern ist für mich inzwischen ebenfalls ein großer Stressfaktor.

Meine typischen Auslöser:

  • Müdigkeit und Stress
  • mich nicht verstanden oder überfordert fühlen, Ärger
  • Einsamkeit und Langeweile, zum Beispiel an dem Abend, an dem mein Mann mal nicht daheim ist
  • beim Lipödem: Schmerzen, der Blick in den Spiegel, Tage ohne Lust auf Kompression

Gerade nach Schmerzen oder dem Blick in den Spiegel rutsche ich schnell ins Alles-oder-nichts-Denken: Jetzt ist es eh egal.

Bei mir kommt noch mein Diabetes Typ 1 dazu. Bei einer Unterzuckerung ist das Verlangen nach Süßem sehr stark, und die Angst davor schwingt bis heute mit. Wenn du auch Diabetes hast, sprich das Thema bitte mit deiner Diabetologin oder deinem Diabetologen an.

Was mir nicht geholfen hat

Strenge Diäten mit Verboten und Verzicht haben bei mir nie funktioniert. Die Kraft ging schnell aus und je älter ich werde, desto weniger habe ich Lust auf Diäten und Co. und meist bin ich danach tiefer gefallen als vorher.

Lange hatte ich ein festes Muster: drei Tage essen, dann drei Tage durchhalten, mit weniger Essen und mehr Sport. Und dann wieder von vorn.

Bei vielen Frauen, die zu mir kommen, sehe ich etwas Ähnliches. Sie essen über den Tag deutlich zu wenig und wundern sich über die Essattacken am Abend. Strenges Hungern kann Essattacken wahrscheinlicher machen. Das deuten auch Langzeitstudien an, wenn auch nicht alle.

Was mir geholfen hat

Der größte Schritt war, mir einzugestehen, dass ich Unterstützung annehmen darf. Ich habe jahrelang Therapie gemacht. Vor allem hat sich dadurch mein Umgang mit mir selbst verändert: Ich bin sanfter mit mir geworden und rede nicht mehr so hart mit mir.

Ich habe wieder gelernt zu verstehen, was mein Körper mir sagen will. Vorher habe ich nur funktioniert. Ich habe gelebt, aber nichts mehr erlebt.

Wenn heute ein Tag mit einem Essanfall endet, mache ich am nächsten Morgen einfach weiter. Ohne tagelange Vorwürfe und ohne extremes Gegensteuern. Ich frage mich lieber, warum es passiert ist, damit ich beim nächsten Mal früher reagieren kann.

Der Satz, der mir dabei hilft:

Ein Tag macht nicht alles kaputt.

Auch die deutsche Leitlinie zum Lipödem nennt psychologische Unterstützung als Teil der Behandlung. Genau deshalb gibt es in meiner Begleitung eine Psychologin.

Kurz zusammengefasst

  • Emotionales Essen hat selten mit fehlendem Wissen zu tun, sondern mit Gefühlen.
  • Viele Frauen mit Lipödem kennen Scham und das Gefühl, selbst schuld zu sein. Das macht es nicht leichter.
  • Bei Lipödem können Schmerzen, Scham und der Blick in den Spiegel zusätzliche Auslöser sein.
  • Verbote und Hungern haben bei mir alles schlimmer gemacht.
  • Unterstützung und ein freundlicherer Umgang mit mir selbst haben mir geholfen.

Du findest zu dem Beitrag auch das Video zum Thema:

Video ansehen: Emotionales Essen bei Lipödem

Wie geht es weiter?

Wenn du wissen willst, warum viele Frauen emotional essen und was du selbst in genau so einem Moment tun kannst, dann verpasse das kostenlose Webinar nicht. Es findet am Mittwoch, 28. Oktober 2026, um 19 Uhr statt und zwar zusammen mit Psychologin Joan aus meinem Team. Es heißt „Vor oder nach der OP: was du selbst in der Hand hast“ und ist für dich, egal ob du operiert bist, vor einer OP stehst oder eine OP für dich gar nicht oder noch nicht in Frage kommt.

Zum kostenlosen Webinar am 28. Oktober 2026 um 19 Uhr anmelden

Kennst du deine Trigger? Was ist dein größter Auslöser für emotionales Essen? Kommentiere unter dem Video, ich lese alles und ich antworte selbstverständlich auch persönlich darauf.

Tina Schwarz

(zert. Ernährungsberaterin und Lipödemcoach)

Dieser Beitrag ist ein persönlicher Erfahrungsbericht. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn dich das Thema Essen stark belastet oder du wiederholt die Kontrolle über dein Essverhalten verlierst, wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder eine psychotherapeutische Praxis.

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